Zum Auftakt seines umjubelten Bayern-Besuchs hat Papst Benedikt XVI. den Glaubensverlust im Westen angeprangert und eine Rückbesinnung auf die christlichen Werte gefordert. Bei einem Open-Air-Gottesdienst vor 250.000 Menschen in München mahnte er am Sonntag zugleich bei Wissenschaft und Medien Ehrfurcht vor dem an, "was den Anderen heilig ist". In indirekter Anspielung auf den Karikaturenstreit und die Stammzellenforschung wandte sich der Papst gegen einen "Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten Maßstab erhebt".

An dem Gottesdienst nahmen mehr als 100 Kardinäle und Bischöfe teil. Bei strahlendem Sonnenschein feierten die Gläubigen den Papst schon bei seinem Eintreffen auf dem Münchner Messegelände und der anschließenden Fahrt im Papamobil durch die dicht gedrängten Reihen mit Beifall, Jubel und "Benedetto"-Rufen. Die ersten Besucher hatten sich dort bereits um Mitternacht eingefunden.

Indirekt kritisierte Benedikt XVI. in seiner Predigt aber auch die katholische Kirche in Deutschland, die sich in Afrika und Asien mehr für soziale als für missionarische Projekte einsetze. "Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen", mahnte er. Die Menschen müssten die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen: "Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott."

Nach seiner Ankunft am Samstag hatte der Papst die Deutschen zur besseren Integration muslimischer Mitbürger aufgerufen und überraschend ein Zeichen für die Ökumene gesetzt. "Wir werden uns mit Herz und Verstand darum mühen, dass wir zueinander kommen", sagte er. Zuvor hatte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Begrüßung den Wunsch nach einer Annäherung der evangelischen und katholischen Kirche geäußert.

Gerade in Deutschland als dem Land der Reformation wünschten viele Christen einen ökumenischen Fortschritt, sagte der evangelische Köhler. "Uns verbindet doch so viel mehr als uns trennt." Der Papst erwiderte vom Manuskript abweichend: "Sie sprechen mir aus dem Herzen." Allerdings ließen sich 500 Jahre Trennung auch nicht einfach beiseite schieben. Die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" appellierte an den Papst, den Ankündigungen Taten folgen zu lassen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte nach einem abendlichen Treffen mit Benedikt XVI., sie habe dem Kirchenoberhaupt versprochen, sich bei der anstehenden deutschen EU-Präsidentschaft für gemeinsame christliche Wertvorstellungen in Europa einzusetzen.