In seiner ersten großen Predigt bei seinem Bayern- Besuch hat Papst Benedikt XVI. die Schwerhörigkeit vieler Menschen im Westen Gott gegenüber beklagt. Die Völker Afrikas und Asiens sähen die eigentliche Bedrohung ihrer Identität in der Verachtung Gottes und in einem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht und Nützlichkeitsdenken zum letzten Maßstab erhebe. Die dpa dokumentiert Auszüge seiner Predigt am Sonntagvormittag in München im Wortlaut:

"Es gibt nicht nur die physische Gehörlosigkeit, die den Menschen weitgehend vom sozialen Leben abschneidet. Es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden. Wir können ihn einfach nicht mehr hören Ð zu viele andere Frequenzen haben wir im Ohr. (...)

Offenbar herrscht da bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen; die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben, die seien doch eher partikulär und nicht gar so wichtig. (...) Das Soziale und das Evangelium sind einfach nicht zu trennen. Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zu wenig. Dann treten die Techniken der Gewalt ganz schnell in den Vordergrund und die Fähigkeit zum Zerstören, zum Töten wird zur obersten Fähigkeit, um Macht zu erlangen, die dann irgendwann einmal das Recht bringen soll und es doch nicht bringen kann: Man geht so nur immer weiter fort von der Versöhnung, vom gemeinsamen Einsatz für Gerechtigkeit und Liebe. (...)

Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar die technischen Leistungen des Westens und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen beibringen will. Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten Maßstab erhebt. (...) Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schließt die Ehrfurcht vor Gott ein Ð die Ehrfurcht vor dem, was dem Anderen heilig ist. Diese Ehrfurcht vor dem Heiligen der Anderen setzt aber wieder voraus, dass wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen. (...)

Diese Ehrfurcht kann in der westlichen Welt nur dann regeneriert werden, wenn der Glaube an Gott wieder wächst, wenn Gott für uns und in uns wieder gegenwärtig wird. Wir drängen unseren Glauben niemandem auf: Diese Art von Proselytismus ist dem Christlichen zuwider. Der Glaube kann nur in Freiheit geschehen. Aber die Freiheit der Menschen rufen wir an, sich für Gott aufzutun (...) Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott. (...)"