Starrheit Als Helena Waldmann nach Teheran kam, fielen ihr als erstes die Zelte auf. Wie Aliens standen die flattrigen Nylonpyramiden in der Stadt herum, wie grelle Signale leuchteten ihre Farben – mal Neongelb, mal Futuristischgrün – an unmöglichen Plätzen: mitten auf einem Trottoir, in einem Torbogen, hinter einem Gebüsch. Sogar vor dem Grabmal des Ajatollah Chomeini hockten die Zelte, als mobile Unterkünfte für mittellose Hauptstadtbesucher. Die Berliner Choreografin reiste damals, im Dezember 2003, nach Teheran, um ein grenzüberschreitendes Theateralphabet gegen die These vom Clash of Cultures zu finden. Außer den seltsamen Zelten fiel ihr vor allem die Unbeweglichkeit iranischer Inszenierungen auf. Starr deklamierten die Schaupieler ihre Texte ins Publikum, zwangen jegliches Thema in das Korsett der drei Stilmittel Sitzen, Stehen, Reden.

Bewegung»Warum sich in Iran niemand bewegt«, heißt ein Aufsatz des Teheraner Regisseurs Mohsen Hosseini, der von der einstigen Vielfalt iranischer Bühnensprache handelt. Wegen seiner Nähe zu Indien und seiner Lage an der Seidenstraße sei das Land von Karawanen unterschiedlicher Tanzkulturen durchzogen worden. Heute werden die traditionellen Tänze jedoch als eine mindere Ausdrucksform nomadischer Gesellschaften, als Rudimente überwundener Epochen verachtet. Sich zur Musik zu bewegen gilt als obszönes Mittel der Verführung und ist seit der islamischen Revolution 1979 verboten. Da »rhythmische Bewegung« auf der Bühne jedoch theoretisch erlaubt ist, erfand die Choreografin Waldmann, deren Berufsstand in Iran nicht existiert, die Metapher der tanzenden Zelte.

EnthüllungDas persische Wort für Zelt bezeichnet auch das religiöse Gewand der iranischen Frauen: Tschador. Aber wer verbirgt sich dahinter? Das Opfer patriarchaler Verhältnisse, das in der abendländischen Vorstellung vom Orient längst zum Klischee verblasst ist? Oder die souveräne Traditionalistin, als die manche Kopftuchträgerin sich gern sehen möchte? Die heimliche Amazone? Die potenzielle Terroristin? Helena Waldmann kämpfte gemeinsam mit sechs iranischen Künstlerinnen in wochenlanger Probenarbeit gegen die Stereotype des Ost-West-Diskurses an. Vorsichtig formulierten die Frauen ihre Hoffnungen und Ängste. »Sie zeigen mir eine Welt, die durch die Medien verstellt worden ist«, schrieb Waldmann ins Tagebuch. »Hier führt man zwei Leben: eins im öffentlichen Raum und ein ganz anderes in den eigenen vier Wänden, hinter Mauern und Vorhängen.«

VerhüllungMithilfe der Zelte, die gleichzeitig als Kostüme, Bühnenbild und Subjekte der Performance dienen, hat Waldmann die Wirkung des Tschadors umgestülpt, das Verhüllte sichtbar gemacht. Gerade dadurch, dass die Schauspielerinnen den Blicken des Publikums entzogen sind, erweitert sich ihr Ausdrucksspielraum. Alle heimlichen Gesten werden durch die Zelte seltsam verstärkt und verzerrt, jede verborgene Gefühlsregung im Innern entfaltet sich draußen zu einem provozierenden Bild. Wir sehen ängstlich zitternde, unschlüssig schwankende, vorsichtig einander umkreisende, zart miteinander flirtende, enthusiastisch sich umarmende, wild sich bekriegende und gierig den Gegner verschlingende Zelte. Weil die Gier, die Wildheit, der Enthusiasmus aber losgelöst sind von menschlichen Figuren, erscheinen sie in neuer, surrealer Deutlichkeit.

Stiller Protest Das Stück, das schließlich den Titel Letters from Tentland bekam, will nicht von der hohen Warte eines demokratisch-aufgeklärten Mitteleuropa herab die Verlogenheit der Mullah-Diktatur kritisieren. Es versteht sich als offener Brief an die Welt und überformt die Alltagserfahrungen iranischer Frauen zur abstrakten Darstellung eines Freiheitsverlangens, das die Menschheit seit jeher umtreibt. Die ewige Unzufriedenheit mit dem Zustand der Schöpfung. Der gotteslästerliche Wunsch, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Die Hybris des Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen und die Begrenztheit seiner Existenz zu überwinden. Dass ein solch radikal freiheitliches Theaterstück von Irans Zensoren akzeptiert wurde, scheint im Nachhinein immer noch unwahrscheinlich.

Orient, Okzident Tatsächlich tauchte am Premierentag eine Abordnung gestrenger Kunstwächter im Dramatic Arts Center von Teheran auf, um die Publikumstauglichkeit des Stücks zu überprüfen. Anschließend debattierte die Choreografin mit den grauen Eminenzen, und es lag wohl an dem Enthusiasmus, mit dem Waldmann noch jetzt von der Chance spricht, »zwischen Orient und Okzident zu vermitteln«, dass die Zensoren keinen Einspruch wagten. Die dramatische Wucht der Letters from Tentland wurde ihnen erst hinterher bewusst, als die Produktion erfolgreich durch die halbe Welt tourte. 43 Gastspiele in 17 Ländern absolvierte das Ensemble, dann schritt die iranische Regierung mit der sanften Gewalt verspäteter Unerbittlichkeit ein und riet den beteiligten Frauen, das Tanzen in ihrem eigenen Interesse lieber zu unterlassen.