Aus der Ferne ... Was tun? Die Zelte abbrechen, den Traum von der Völkerverständigung, der sich doch wenigstens auf der Bühne als verwirklichbar erwiesen hatte, begraben? Helena Waldmann hätte nach dem Aus für Tentland an frühere Inszenierungserfolge anknüpfen können, in denen sie sich bereits mit Täuschung und Maskeraden beschäftigte – Die Krankheit Tod, see and be scene, Die Invasion der Pinguine … Es ist aber in der Kunst anders als in der Politik: Eine einmal geöffnete Tür lässt sich nicht einfach zuschlagen, ein gelüfteter Schleier sich nicht wieder über die Wahrheit breiten. Also fasste Waldmann sich ein Herz und castete sechs Berliner Exil-Iranerinnen für die Fortsetzung des west-östlichen Briefwechsels, dessen Adressat diesmal auch die fernen Künstlerkolleginnen in Teheran sind.

... in die HeimatReturn to Sender heißt das Stück, das soeben beim Kunstfest Weimar Deutschlandpremiere feierte und in den kommenden Monaten durch die Bundesrepublik tourt (14., 15. Oktober Berlin; 27. Oktober Remscheid; 29. Oktober Nürnberg; 25. Februar 2007 Ludwigshafen). Es handelt von der großen Freiheit im gelobten Westen, die die iranischen Flüchtlinge oft schmerzlich vermissen. Helena Waldmann hat auch diesmal die Erfahrungen ihrer Protagonistinnen als Fundament verwendet. »Für Euch sehen wir alle gleich aus«, sagt ein Zelt zum Publikum. An die Daheimgebliebenen richtet das Ensemble die lautlose, in hellen Lettern auf die dunkle Bühnenrückwand projizierte Botschaft: »Der Preis, den diejenigen zahlen, die ihr Land verlassen, ist hoch.«

In der FremdeDie Exilanten verlieren beim Überschreiten der Grenze nach Westen vor allem die Leichtigkeit, mit der sie sich früher in ihrer Umgebung bewegten, ihre fraglose Zugehörigkeit und ihre selbstverständliche Fähigkeit, sich zu verständigen. Was es bedeutet, von einem Tag auf den anderen ohne Sprache dazustehen, wie es sich anfühlt, dem gleißenden Licht der verheißenen Freiheit ausgesetzt zu sein und an ihrer kalten Gleichgültigkeit abzuprallen, so dass man am liebsten in die warme Höhle der Diktatur zurückkröche – das zeigt Waldmann in beklemmenden Szenen. Mühsam zwängen die bunten Zelte sich aus der dunklen Heimat ins Rampenlicht. Keins wagt sich gleich weit nach vorn. Eins bleibt wie festgeklebt an seinem Platz. Eins driftet zittrig beiseite. Ein anderes schmiegt sich platt an den Boden, als wäre es gar nicht da.

GotteslobReturn to Sender erinnert ein wenig an die doppelbödige Ästhetik des osteuropäischen Figurentheaters mit seiner offenen Spielweise und seinen abgründigen Vexiertricks. Wie dort die Spieler hinter der Puppe sichtbar sind, so erahnt man hier die Zeltbewohnerinnen hinter ihren Gazefenstern. Die Stärke der Inszenierung liegt darin, naive Multi-Kulti-Euphorie zu vermeiden und den Westen zu kritisieren, ohne das Regime im Iran zu salvieren. In wunderbaren Tableaus kombiniert Waldmann den Humor abendländischer Theatermoderne mit dem Pathos orientalischer Kulturtradition. Wie schon in Tentland wird das poetische Gotteslob des persischen Klassikers Nizami zitiert: »Du gibst dem Morgen Licht, die Nacht zu enden, den Tagen Vögel und den Vögeln täglich Brot. Nur Du kannst unsern Zustand ständig wenden.« Bei Waldmann wird die Kunst selbst zur weltverändernden Macht. Die Spiritualität des Schönen triumphiert über religiösen Fundamentalismus und Unfreiheit an sich.

VerklärungDa tanzen die Zelte wie erleuchtet, sie wirbeln, kreiseln, umarmen einander im Flug. Erst ganz am Ende stürzen die schwebenden Metaphern auf den harten Boden des Ost-West-Diskurses ab. Nachdem die Vorstellung zu Ende ist, werden nämlich die männlichen Zuschauer hinter den Vorhang gebeten, um mit den Tänzerinnen bei Tee und Schummerbeleuchtung über das Stück zu plaudern. Das Problem ist nicht, dass die jungen Exilantinnen so wenig über den Alltag im Iran erzählen können, weil sie das Land nur selten besuchen. Das Problem ist auch nicht, dass ein paar weitgereiste ältere Herren vom Liebreiz der iranischen Frauen schwärmen und versichern, das Leben unter Präsident Ahmadineschad sei viel angenehmer, als die Westmedien behaupten. Das Problem ist, dass die Exilantinnen selbst, deren Eltern noch vor der Intoleranz der Mullahs flüchteten, nun ihre ferne Heimat-Diktatur verklären.

Verschleierung Nein, sagt eine Tänzerin, Tentland sei nie verboten worden. Das stimmt insofern, als die Blockadetaktik der iranischen Behörden ein Verdikt unnötig machte. Und natürlich scheut die Exilantin das Wort Verbot, weil sie um ihr nächstes Urlaubsvisum bangt, vielleicht sogar für ihre Familie fürchtet. Aber niemand zwingt sie zu der Behauptung, die tanzenden Zelte hätten mit dem Tschador nichts zu tun, überhaupt gehe es hier nur ums Exil, nicht um den Iran, wo sie sich bei ihrem letzten Besuch keineswegs bedroht gefühlt habe. Die iranischen Intellektuellen, die in den vergangenen Monaten verhaftet wurden, sehen das wahrscheinlich anders. Doch die Verschleierungspropaganda einer Diktatur wirkt stets auch über ihre Grenzen hinaus, und der Arm der Selbstzensur reicht weit. Dagegen hilft nur stures Weitertanzen.

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