Ein "Laboratorium der Modernität" will es sein, das vergangene Woche wiedereröffnete Festspielhaus in Dresden-Hellerau. Noch bröckelt der Putz an dem berühmten klassizistischen Bau von Heinrich Tessenow von 1912, der nach jahrzehntelanger Zweckentfremdung durch Nationalsozialisten und russische Armee verfallen war. Renoviert ist immerhin der form-strenge weiße Theatersaal mit Tageslicht von vier Seiten. Unter der Leitung des Komponisten Udo Zimmermann soll hier das Europäische Zentrum der Künste ganzjährig allem Raum geben, das im weitesten Sinne zeitgenössisch ist.

Ein "Laboratorium der Humanität" war Hellerau in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Die Rhythmikschule von Emile Jaques Dalcroze lehrte höhere Töchter die Befreiung des Körpers in der lebensreformerischen Gartenstadt, welche sich als sozialutopischer Gegenpol zur Industrialisierung verstand. Zimmermann will von den semantischen Evokationen des "Mythos Hellerau" aber nichts wissen. "Wir können dort nicht weitermachen, wo man aufgehört hat. Die gesellschaftlichen Realitäten verbieten das." Und aus diesen Realitäten folgt das Dogma: "Kunst, die nicht politisch ist, ist irrelevant."

Spricht's und widerspricht sich selbst, indem er zum Eröffnungsakt den Komponisten Mauricio Kagel einlädt und dessen Fanfanfaren blasen lässt. Das Stück klingt schön, ist strukturell interessant und macht Spaß, wie der Titel schon sagt. L'art pour l'art, ausgenommen natürlich das musikgeschichtliche Klischee, dass das Neue stets von Trompeten anzukündigen ist. Trompetenhaft auch die "Zukunft ist gut für alle"-Reden der Repräsentanten aus Kommune, Land und Bund. Politiker, die nicht politisch sind!

Gehörig Sendungsbewusstsein am folgenden Abend mit William Forsythes Performance-Installation Human Writes in deutscher Erstaufführung. Seine Tänzer schmieren, in Interaktion mit dem Publikum, mit Kohlestiften unleserlich Auszüge aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf große weiße Tische. Sie schreiben, umständlich verrenkt, mit Schultern, Füßen, teils kopfüber vom Tisch hängend. Denn: Die Menschenrechte zu formulieren war harte Arbeit, ihre Umsetzung ist noch immer mit großem Widerstand verbunden. So weit, so banal. "Die Leute kriegen teilweise gar nicht mit, dass es hier um Menschenrechte geht", sagen die beiden Damen von Amnesty International, deren Infotisch im Vorraum steht. Als die Ersten gehen, verzeichnet ihre Unterschriftenliste gerade drei Einträge von dreihundert Besuchern. Sage keiner, dass politische Kunst funktionieren muss.

Noch kommen die Zuschauer nach Hellerau, weil das Haus neu ist. Damit sie für das Neue selbst kommen, sollte Zimmermann für ein klares Profil sorgen, einen unique selling point, der sein Vielspartenhaus vor der Beliebigkeit schützt.