Vor einigen Wochen hat die Deutsche Aktuarvereinigung einige erstaunliche Zahlen veröffentlicht. Danach steigen bei einer Kapitallebensversicherung (KLV) über 30 Jahre drei Viertel der Versicherungsnehmer vorzeitig aus, bei Policen über 20 Jahre ist es jeder zweite. Das ist ein erschütterndes Ergebnis. Denn vordergründig betrachtet scheint es mit dem Vorsorgewillen und den -bemühungen der Deutschen nicht weit her zu sein, wenn es kaum jemand schafft, ein eigentlich pflegeleichtes Produkt durchzuhalten, bei dem man nichts weiter tun muss, als regelmäßig einzuzahlen. Am Ende der Laufzeit kassiert der Versicherungsnehmer einfach sein Geld plus einer akzeptablen Verzinsung.

Doch diese Erklärung greift zu kurz. Tatsächlich nämlich ist die Lebensversicherung ein komplexes Produkt, dessen Eigenheiten und Nachteile nur wenige Berater vor dem Abschluss ausreichend erläutern und bei der Wahl der Vertragssumme berücksichtigen. So wird schon mit der Unterschrift der Grundstein für das spätere Scheitern gelegt.

Tatsächlich kombiniert ein Lebensversicherungsvertrag nämlich zwei Dinge: Todesfallschutz und Vermögensbildung. Genau genommen teilt sich jede Einzahlung des Versicherungskunden sogar in drei Teile auf: ein Teil ist eine reine Versicherungsprämie für einen Risikopolice. Sie sichert die Auszahlung der Vertragssumme ab, sollte der Versicherungsnehmer während der Laufzeit sterben. Da der Versicherungskunde Jahr für Jahr den Vertrag "anspart" und dieses Vermögen verzinst wird, muss das Versicherungsunternehmen im Fall der Fälle für eine immer kleiner werdende Summe einspringen - dennoch bleibt die Prämie gleich.

Einen zweiten Teil der Prämie zwackt der Versicherer für die Vertriebs- und Verwaltungskosten ab. Selbstverständlich arbeitet die Assekuranz nicht für einen Gotteslohn und so ist es akzeptabel, dass sie sich ihre Dienste honorieren lässt. Nicht akzeptabel ist aber, dass der Versicherungskunde in vielen Fällen gar nicht erfährt, wie hoch diese Verwaltungskosten ausfallen. Dann würden sie nämlich auch erfahren, was sie ungefähr an Vermittlungsprovision zu zahlen haben - der dickste Posten der Verwaltungskosten.

Dabei werden die meisten Lebenspolicen mit so genannten gezillmerten Tarifen verkauft. Bei dieser Variante wird die Vermittlungsprovision des Vertreters aus den ersten Einzahlungen bestritten - was zur fatalen Folge hat, dass bei einer Kündigung nach ein oder zwei Jahren der Versicherungskunde lange Zeit so gut wie kein Geld mehr zurückbekam. Dem haben deutsche Gerichte zwar mittlerweile in bestimmten Grenzen einen Riegel vorgeschoben. Dennoch ändert das nichts an der Tatsache, dass eine Kapitallebensversicherung eine langfristige Anlageform und ein vorzeitiger Ausstieg - zumal nach kurzer Zeit - ein Verlustgeschäft ist.

Nur der Rest, der nach Risikoprämie und Verwaltungskosten übrig bleibt, wandert schließlich in einen großen Vermögenstopf, der vom jeweiligen Versicherungsunternehmen ähnlich wie ein Investmentfonds gemanagt wird. Freilich erfährt der Vorsorgesparer bei Investmentfonds schwarz auf weiß, wie viel Geld er eingezahlt hat, was daraus Jahr für Jahr wird und nach welchen Grundsätzen es angelegt wird. Davon kann bei der KLV keine Rede sein. Die meisten Versicherungskunden bekommen einmal im Jahr Post von ihrer Versicherung und werden kurz und knapp über den Stand ihres Versicherungsvermögens, das durch die Versicherung garantierte Kapital und die so genannte Überschussbeteiligung informiert.

Diese Überschussbeteiligung stellt nichts anderes dar als die Verzinsung des eingezahlten Kapitals. Sie ergibt sich aus den Vermögenserträgen, die das Versicherungsunternehmen über das Jahr hinweg mit dem "Topf" erwirtschaftet hat. Doch wie sich diese Erträge zusammensetzen, etwa aus Zins-, Dividenden- oder Mietzahlungen, und nach welchem System der Versicherer den Gesamtertrag auf seine Versicherungskunden verteilt hat, darüber herrscht in vielen Fällen Schweigen.

Lange Zeit gab es sogar Streit darum, wem das verwaltete Vermögen gehört, dem Versicherungsunternehmen oder den Versicherungskunden. Die Sache ging bis zu den höchsten deutschen Gerichten, wo die Kundenvertreter letztlich siegten. Praktisch nützen tut es bislang allerdings wenig, denn dass der Versicherungstopf eine "Black Box" ist, daran hat sich bislang wenig geändert.