Von meinem Schlafzimmer aus blicke ich auf 25 Fenster und neun Balkone. Sie gliedern die Rückseiten zweier Altbauten und zweier Rotklinkerhäuser in ein Spielfeld aus Nullen und Einsen, Schwarz und Weiß, Wand und Klang. Aus all diesen Fenstern und Türen dringt Musik, wie aus einer zu groß geratenen Jukebox.

Dieser Musikautomat hat ein Eigenleben, er lässt sich nicht mit Münzen zum Abspielen meiner Lieblingslieder bewegen. Denn die Menschen, die in ihm wohnen, entscheiden darüber, was wann und in welcher Lautstärke gehört wird.

Schräg gegenüber gibt es HipHop in der WG-Küche, zwei Stockwerke höher versorgt ein älterer Herr seine Balkonpflanzen mit Schlagern aus dem Radio, ein Fenster drunter rocken Starkstromgitarren, nebenan mag jemand Mozartsinfonien und übt Cello. Die junge Polin in der Nachbarwohnung legt ein und dasselbe Lied ihrer Bravo -Hits-CD in eine Endlosschleife, und in der kleinen Bar im Erdgeschoss links wirbeln dreimal wöchentlich die Rockabillies ihre Petticoat-Mädchen umher. Ganz unten im Keller wummern samstags die Bässe einer House-Disko, und dazu grölen von irgendwo Fußballfans ihre eintönigen Salven.

Straßenlärm höre ich hier nie, dafür ununterbrochen Musik. Gerade im Sommer reißt der Melodienstrom nicht ab, alle Türen und Fenster stehen offen. In diesem belebten Viertel hat man sich darauf geeinigt, dass jeder tönen darf, wie er will. Es gelten keine Ruhezeiten – wer nicht hören will, muss wegziehen.

So lernt man die musikalischen Vorlieben der Nachbarn zu tolerieren und manchmal auch zu schätzen. Eine autonome Jukebox ist für Überraschungen gut. Vor ein paar Jahren feierte ich meinen Geburtstag in unserem Hinterhof. Wir saßen an einer langen Tafel beisammen und grillten in den Sommerabend hinein. Was fehlte, war Musik. Über unseren Köpfen, im Fenster zum Hof, saßen zwei ecuadorianische Mädchen und quasselten, aus ihrem Zimmer kamen leise lateinamerikanische Rhythmen. Die Feier wurde schwungvoll, als sie ihre Boxen aufs Fensterbrett stellten: Salsa und Merengue zu Würstchen mit Kartoffelsalat.

Es kam der Herbst, und ein grauer Sonntagnachmittag schickte mich mit einem Buch aufs Sofa. Da drang durch die Ritzen im Dielenboden der passende Klang: Damien Rice sang seine traurig-hoffnungsvollen Lieder und verwandelte Nieselregen in Wohlfühlwetter. Es war die nette Malerin aus dem ersten Stock, die meinen Moment auf der Couch mit dieser Platte bereicherte.