Joachim Fest ist zu früh gestorben. Er und sein Freund Johannes Groß – auch er lebt seit langem nicht mehr – zählten zu den wenigen großen Konservativen Deutschlands. Ihre schiere Existenz, ihre Lebensart, Stil, Haltung, Witz und innere Unbestechlichkeit legten Zeugnis ab für eine Idee des deutschen Bürgertums, wie es womöglich nie existiert hat. Stattdessen haben wir den Mittelstand. Der war ihnen fremd.

Wer Fest besuchte, in seinem eigenwilligen, nach außen festunghaft anmutenden Haus in Kronberg bei Frankfurt, betrat eine andere Welt – seine eigene. Bisweilen ließ er sich vor einer Bücherwand fotografieren, ein belesener Herr, fürwahr, ein Schriftsteller, Homme de lettre, der sich wohlfühlte zwischen den großartigen Gemälden und Zeichnungen seiner Freunde Klaus Fußmann und Horst Janssen.

Es schien in dieser gepflegten Umgebung der unbedingte Stilwille eines ernsten Mannes auf, der zwar Gelächter und Spott zuließ, aber belanglose Gespräche verabscheute. Sein jüngstes Buch, seine Erinnerungen, erzählt von der Herkunft dieser Lebensart. Immer aber suchte er Distanz – Kumpaneien waren seine Art nicht. Aus solcher Distanz suchte er nach einer Erklärung für das größte Übel seines Landes – Adolf Hitler. Der sei, so suggerierte es sein Hauptwerk, und so sagte er es am Ende seines Lebens immer emphatischer, ein „Produkt der Gosse“. Dass er dies nicht soziologisch verstand, sondern dass das Gossenhafte des Nationalsozialismus unabhängig von Klassenzugehörigkeit, von Adel oder Reichtum zu sehen sei, war ihm klar. Konservatismus manifestierte sich für ihn nicht nur in ästhetisch Bewahrenswertem, sondern auch in dem einfachen Wissen darum, was sich gehöre und was nicht. Hitler, nun, der gehörte sich nicht.

Seine unbestechliche, feine Art hat ihm nicht nur Freunde geschaffen. Der Zwist zwischen dem ehemaligen Herausgeber der FAZ und seinem Mitarbeiter Marcel Reich-Ranicki sorgte für öffentliches Aufsehen. Ungerecht und unfair war freilich der mitgeschleppte Vorwurf des Letzteren, ausgerechnet zu ihm, dem Juden, auf gesellschaftlichen Abstand geachtet zu haben. Das stimmte nicht.

Das Feuilleton der FAZ wuchs unter seiner Ägide zum glanzvollen Forum eines intellektuell anspruchsvollen Liberalismus. Nach seinem Ausscheiden aus der FAZ blieben ihm Verwundungen durch seinen Nachfolger nicht erspart – er buchte sie ironisch ab. Was bleiben wird, sind seine Bücher. Neben der Hitler-Biografie, die immer noch ihresgleichen sucht, neben den Porträts der Paladine des NS-Regimes, ragt seine Studie über die fehlgeschlagene Verschwörung gegen Hitler heraus („Staatsstreich“) Am Ende betrachtete er die Männer um Stauffenberg, deren Ehrbegriff er teilte, mit einer Mischung aus tiefer Sympathie und bitterer Verachtung ob ihres politischen und verschwörerischen Dilettantismus.

Joachim Fest war ein einzigartiger Publizist – sein preußischer Habitus, seine durchaus charismatische Erscheinung hat manche junge Journalisten, aber auch viele ausländische Verleger und Intellektuelle in Bann gezogen. Seine keineswegs heimliche Liebe gehörte Italien, seine geistige Heimat aber suchte er in der Geschichte seines eigenen Landes. Der Zorn, der ihn angesichts der historischen und moralischen Abgründe Deutschlands ergriff, wollte sich niemals legen. Ein einzelner Mensch kann nicht wiederherstellen, was Millionen heruntergerissen haben, aber er kann mit seinem Leben zeigen, was verlorengegangen ist. Joachim Fest ist das gelungen.

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