Hinter einer Landstraße in Schleswig-Holstein ist der Mond vom Himmel gefallen. Er hat einen Krater hinterlassen – so tief wie der Bodensee, so groß wie hundert Fußballfelder. Die Wände flimmern im Sonnenlicht so weiß, dass man nicht hinsehen kann. Aus den Felsen strömt Grundwasser in die Tiefe. Es sammelt sich in einem See, fünf Meter neben einem riesigen roten Ungetüm.

Ein Motor rattert, Hitze, es staubt. Das Schaufelrad, groß wie eine Flugzeugturbine, dreht sich wie ein Windrad. Stählerne Zähne fressen sich in den weichen Stein. Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts, ein bisschen nach links. In der Fahrerkabine dirigiert Klaus Kamrath die rotierenden Schaufeln. Seine Haare leuchten hell wie der Kalkstein, den er abbaut. Gekrümmt ist sein Rücken von der Arbeit, nass von der Sonne. Früh ist der 61-Jährige heute mit seinem Mofa zur Grube gefahren, hat seinen weißen Sturz- gegen den gelben Schutzhelm getauscht und ist um Viertel vor sechs in den Bagger geklettert. Acht Stunden dauert die Schicht. Montags bis freitags, wenn die Nachfrage stimmt auch samstags. Früh, abends und auch nachts. Wenn er alleine unter dem Sternenhimmel baggert, ist er der Mann im Mond.

Dass er mit seiner Arbeit dafür sorgt, dass auf den Fußballplätzen fast aller Bundesligisten und auch in den Ligen in Holland, Belgien, Dänemark oder Schweden eine weiße Linie das Aus markiert, weiß kaum jemand. Wenn Miroslav Klose, Rafael van der Vaart oder Phillip Cocu aufs Tor schießen und der Ball über die Linie rollt, jubeln Tausende. Sie ahnen nicht, dass der Ursprung der Sportplatzkreide hier in Lägerdorf liegt, unter den Schaufelrädern von Kamraths Bagger.

Hier lagert das Material, das Fußballmillionären und Dorfkickern gleichermaßen die Grenzen aufzeigt: CaCO3, Calciumcarbonat, Kreide. Dass das in Lägerdorf produzierte Sportplatzweiß auf etwa jedem dritten deutschen Fußballfeld landet, war auch Klaus Kamrath "gar nicht so klar". Doch auch jetzt hat er keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen: "Muss weiterbaggern."

Irgendwo im Nirgendwo Norddeutschlands, da liegt Lägerdorf. Rund 50 Kilometer nordwestlich von Hamburg, ein Nest wie tausend andere. Man fährt auf einer Dorfstraße, die auch so heißt. An der Tankstelle gibt es Kartoffeln, die der Bauer um die Ecke gesammelt hat. Und in der Schillerstraße kann man das Heimatmuseum besuchen, wenn man vorher einen Termin vereinbart hat. Leute, die hier arbeiten, aber woanders wohnen, sagen Sätze wie: "Hier möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen." Weniger als 3000 Menschen leben heute in Lägerdorf. Vor 30 Jahren, vor der Automatisierung im Kreidewerk, waren es noch 4100. Damals sorgte das Werk für sein Dorf. Es gab mehr Arbeitsplätze, die Gewerbesteuern füllten die Gemeindekasse. Stolz schauten die Lägerdorfer auf ihren "Kreidehauer". Die Statue in der Ortsmitte ist Stein gewordenes Symbol für die industrielle Entwicklung – und für bessere Zeiten.

Seit vor sieben Jahren die Bundesregierung die Steuergesetze änderte und die Lägerdorfer Kreide- und Zementwerke die Gewinne mit anderen Werken des Mutterkonzerns in Niedersachsen verrechneten, fehlt es dem Ort an Einnahmen. Und Uwe Gätje, dem inzwischen ehrenamtlichen Bürgermeister, an Zuversicht. "Wir sorgen uns ums Überleben", sagt der grauhaarige Mann und kratzt sich am Hinterkopf. Man habe der Kreide viel zu verdanken. Etwa einen eigenen Autobahnzubringer. Wenn man ihn aber nach der Zukunft des Orts und der Kreidegrube fragt, presst er die Lippen zusammen. "Ich war vor 30 Jahren das letzte Mal da unten. Wenn Sie da was wissen wollen, müssen Sie dort nachfragen." Uwe Gätje überlegt, schaut aus dem Fenster: "Touristisch soll hier mehr geschehen. Das Heimatmuseum soll zu einem Urzeitmuseum werden." Mehr sagt er nicht. Er weiß, dass das nicht reichen wird, um Lägerdorf attraktiver zu machen.

Damals, als hier noch die Dinosaurier stapften, muss es ein blühender Ort gewesen sein. Oder wenigstens ein guter Ort, um zu sterben. Aus den 70 Millionen Jahre alten Resten von Wurzelfüßern, Algen und Einzellern entstand die Kreide, die Klaus Kamrath heute aus der Erde schaufelt.

Hinter seinem Bagger spiegelt sich die Sonne in dem Kratersee. Kamrath hat Verstärkung bekommen. Sein Kollege, der zur Zwischenschicht erschienen ist, zeigt seinen blanken Bauch. Auf seiner feuchten Haut kleben Staubkörner. Immer wenn der Kollege lustige Dinge erzählt, ziehen sich Kamraths Augenbrauen zusammen, die blauen Augen verschwinden darunter und sein Mund krümmt sich zu einem ächzenden Lachen. Noch eine Zigarette, dann wird weiter gearbeitet. Von den Schaufeln fliegen die Fossilien aufs Förderband. Die lange Tragfläche schnurrt den Kalkstein nach oben ins Kreidewerk. Aus dem, was Klaus Kamrath ausbaggert, werden Düngemittel, Tierfutter, Papier und Zahnpasta produziert. Später steckt es unter anderem auch in Reifen, Kabeln, Teppichen und Straßen. Er ist der Anfang für alle Endprodukte.