In den Augen der Europäer waren islamistische Terroristen lange Zeit Kommandogruppen, die aus dem Nahen Osten einwanderten, um den Westen zu attackieren - als Reaktion auf die Konflikte in ihrer Heimat. Dabei zeigt eine Betrachtung im Westen operierender Terroristen klar, dass die meisten von ihnen sich dort etabliert haben. Sie wurden im Westen geboren (wie zum Beispiel Zacharias Moussaoui), kamen als Kinder oder in selteneren Fällen als Studenten (Mohammed Atta) hierher. Sie sind integriert, westlich geprägt und gebildet. Sie stammen aus keinem speziellen Milieu, weder Armut noch Ausgrenzung können ihren Radikalismus erklären. Zumal fast alle von ihnen erst im Westen als Moslems "wiedergeboren" wurden.

Die Quelle ihres Radikalismus' ist der Westen, nicht der Dschihad oder die Konflikte im Nahen Osten. Keiner von ihnen wurde durch die Religionslehren in einem muslimischen Land radikalisiert. Und bei fast allen ist der Zeitraum zwischen der Zuwendung zur Religion und der Hinwendung zum politischen Radikalismus sehr kurz. Das zeigt, dass diese Terroristen sich für politischen Radikalismus wie für Religion gleichermaßen interessieren.

Auf der anderen Seite kehren sie - mit Ausnahme einiger Pakistani - nicht für den Dschihad in ihre Heimatländer zurück. Die jungen Radikalen gehen überall dorthin, wo sie im Namen einer "globalen", nicht nationalen Sache kämpfen können, beispielsweise nach Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien, Kaschmir oder in den Irak, und sie werden dazu nicht speziell vom israelisch-palästinensischen Konflikt motiviert. Bemerkenswerterweise hat Mohammed Bouyeri, der Mörder von Theo Van Gogh, als Grund für seine Tat nie die Anwesenheit von niederländischen Truppen im Irak angeführt, sondern lediglich die Blasphemie gegenüber dem Islam, die in Van Goghs Film Unterwerfung zum Ausdruck käme.

Islamistische Terroristen leben in einer globalen Welt und beziehen sich auf eine virtuelle Umma (Gemeinschaft) aller Muslime, nicht auf bestimmte Konflikte. Sie sind das Produkt einer modernen, globalisierten, grenzen- und kulturlosen Welt. Sie verkörpern nicht die Auflehnung traditioneller Gesellschaften, die sich durch die Verbreitung der westlichen Werte bedroht fühlen, im Gegenteil: Sie repräsentieren eine neue Form des Islams, einen von seiner alten Kultur losgelösten Islam. Das erklärt auch ihre Faszination für den Salafismus, eine fundamentalistische Strömung der reinen Lehre, die jegliche Vermischung zwischen dem Islam und regionalen Kulturen ablehnt (einschließlich und insbesondere der Kultur in muslimischen Ländern). Im Übrigen ist kein einziger Palästinenser, kein Afghane und kein Iraker unter den in Europa operierenden terroristischen Gruppen zu finden. Die Leute, die terroristisch aktiv werden, sind nicht persönlich von einer Intervention des Westens in muslimischen Ländern betroffen, im Gegenteil: Von ihren Ursprüngen losgelöst suchen sie internationalistische Beweggründe für ihre Taten.

Die große Präsenz der Bekehrten im Al-Qaida-Netzwerk ist ein deutliches Zeichen für diese Entwurzelung und Globalisierung des Islamismus. Warum sollte sich ein zum Islam übergetretener, ehemaliger Christ mit einem Mal für Kaschmir oder den Irak einsetzen? Mit seinem Religionswechsel lehnt er sich vielmehr gegen die etablierte Ordnung auf und nimmt - unter dem Vorwand der Religion - den Gruppenkampf der Baader-Meinhof-Bande in den 70er Jahren neu auf. Viele Bekehrte sind ehemalige Drogenabhängige oder Kleinkriminelle, die früher außerhalb der Gesellschaft standen und nun eine Bruderschaft gefunden haben.