Der Wind bläst kräftig an diesem ungemütlich herben Tag an der Nordsee. Optimales Windmühlenwetter. Doch die Windräder von Heinrich Wilkenbrook* stehen still. Kein einziges Rotorblatt dreht sich. "Immer, wenn richtig Wind aufkommt, drosselt E.on ohne unser Einverständnis die Anlagen ferngesteuert oder schaltet sie einfach ab", schimpft Wilkenbrook, der ein Dutzend Windmühlen in Schleswig-Holstein betreibt. Seit zwei Jahren geht das schon so und kostet den Windmüller jeden Monat vierstellige Beträge. Denn normalerweise bekäme er für jede ins Stromnetz eingespeiste Kilowattstunde Ökostrom eine Vergütung. So sieht es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor. Doch wenn nichts eingespeist wird, gibt´s auch kein Geld. "Was E.on da macht, ist völlig willkürlich und nicht erforderlich", sagt Wilkenbrook.

Die E.on Netz GmbH, die das Stromnetz in Schleswig-Holstein betreibt, sieht das ganz anders. Wenn zu viel Windstrom eingespeist werde, überhitzten sich die Leitungen. "Dann hängen sie durch und könnten Bäume entzünden", erklärt eine Sprecherin. "Schaltanlagen können ausfallen und wir können die Stromversorgung nicht mehr sichern." Also wird abgeschaltet.

Seit Monaten mehren sich die Vorwürfe, dass sich der Netzbetreiber auf diese Weise die Öko-Konkurrenz vom Leibe halten will. Zum ersten Mal klagen deshalb nun Windmüller wie Wilkenbrook vor Gericht. Sie fordern von E.on Schadensersatz für entgangene Vergütungen und einen zügigeren Netzausbau. Wilkenbrook macht beispielsweise geltend, innerhalb des ersten Halbjahres 2004 habe er mehr als 50.000 Euro durch die Zwangsstilllegung verloren. Ende des Jahres wird das Urteil erwartet.

Im Kieler Wirtschaftsministerium beobachtet man das Vorgehen von E.on mit Skepsis. "Ich befürchte, dass das Wachstum der Windbranche eingeschränkt wird", sagt Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU), "die Erlösausfälle schrecken Finanziers ab, das Abschalten ermutigt in der Tat nicht gerade zu neuen Investitionen."

30 Prozent seines Strombedarfs deckt Schleswig-Holstein schon aus Windenergie. Das ist Rekord in Deutschland. Die Windmühlen zwischen Nord- und Ostsee können rund 2300 Megawatt Strom produzieren. Zum Vergleich: Ein Atomkraftwerk vom Typ Biblis A erbringt 1200 Megawatt Leistung; allerdings produziert es auch rund um die Uhr Strom. Dank der stürmischen Wetterlage und der lukrativen EEG-Vergütung boomt die Windbranche, vor allem in der Region Nordfriesland zwischen Flensburg und Husum. Weil die Betreiber ihre alten Anlagen zudem durch neuere, leistungsstärkere Turbinen ersetzen, kommt noch mehr Leistung hinzu: Allein in Nordfriesland rechnet E.on im Jahr 2010 mit einer Windmühlen-Leistung von 1000 Megawatt. Das ist fast eine Verdopplung des heutigen Wertes.