Die meisten FDP-Abgeordneten wissen, dass sie mit mühselig zusammengepfriemelten Hypothesen argumentieren, um gegen die deutsche Beteiligung am Nahosteinsatz stimmen zu können. Dass sie es trotzdem tun, wird von den freidemokratischen Befürwortern der Bundeswehrmission wie folgt erklärt: Der Partei- und Fraktionschef habe sich unnötig früh festgelegt und damit "verrannt". Guido Westerwelle selbst, der sonst gerne als scharfzüngiger  Redner im Bundestag ans Pult tritt, hielt sich bei der Aussprache am Dienstag vornehm zurück. Oder kniff, wie Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn höhnte.

Dass seine Fraktion auf Linie bleibt, dessen kann er sich trotzdem gewiss sein. Ihn in der parlamentarischen Abstimmung zu desavouieren, ist für seinen Kritiker kaum möglich. Und alle Versuche, ihn noch von seiner Position abzubringen, waren sinnlos geworden, nachdem die drei FDP-Ehrenvorsitzenden Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel mit der geballten Macht ihrer Namen und früheren Ämter per Brief an die Bundeskanzlerin vom Einsatz deutscher Soldaten in diesem Falle abrieten.  

Mit diesem nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt erschienenen Brief konnte man im Westerwelle-Umfeld jeden Kritiker abtun mit dem Argument: "Herr/Frau Soundso, Sie wollen doch nicht sagen, dass Hans-Dietrich Genscher Unrecht haben könnte." Das hat sogar den ehemaligen Außenminister und internen Kritiker Klaus Kinkel für eine Weile dazu gebracht, öffentlich zu schweigen, bis er es kurz vor der Bundestagsentscheidung nicht mehr aushielt. Er, der nicht nur politische, sondern auch familiäre Verbindungen nach Israel hat, sah in dem Moment, als der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert um deutsche Mitwirkung bat, die historische Chance einer Versöhnung neuer Art. Doch Westerwelle wollte nicht auf ihn hören. Nach Informationen von ZEIT online ist die argumentativ viel stärkere Gegenposition zu Westerwelles rätselhaft absolut klingender Ablehnung "keine deutschen Soldaten nach Nahost" von Anfang an zwar angehört, jedoch nie ernst genommen worden. Erklären kann das keiner so richtig.

Stattdessen musste der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Werner Hoyer,  nachträglich eine logische Argumentationskette finden, um das FDP-"Nein" zu begründen. Die unterscheidet sich durchaus vom simplen Westerwelle-Dogma: "Ich denke, dass schon vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte die Frage beantwortet werden muss: Ist es wirklich klug, deutsche Soldaten, bewaffnete deutsche Soldaten, in den Nahen Osten zu schicken? Und da sage ich gemeinsam mit den früheren Außenministern Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher Nein." Hinter dieser rein historisch begründeten Position ließen sich noch nicht einmal alle Einsatz-Gegner der FDP-Fraktion versammeln. Nun argumentiert Hoyer deswegen, dass die politische Einflussmöglichkeit Deutschlands durch eine UNIFIL-Beteiligung im Nahen Osten verringert wird. Das ist jedoch eine Hypothese, die er nicht belegen kann.

Der eigentliche Nahost-Experte der Fraktion, Rainer Stinner, wird genau aus diesem Grund für den Bundeswehr-Einsatz stimmen: "Ich muss 2006 primär die Probleme der Zukunft lösen, nicht die der Vergangenheit", sagte er sagt er zu ZEIT online . Für ihn sei der Nahost-Konflikt der wichtigste der Welt, und ganz im Gegensatz zu Hoyer glaubt er, mit UNIFIL die Voraussetzungen für eine politische Lösung schaffen zu können.

Die Befürworter eines Einsatzes lesen aus dem Brief von Genscher zudem keine klare Ablehnung heraus, zumal dieser am 17. August noch kein konkret formuliertes Mandat vorliegen hatte. Da wurden einige Türchen offen gelassen. Am deutlichsten wird FDP-Gewissen Gerhart Baum. "Wenn man den Genscher-Brief liest, kann man dem Einsatz zustimmen", sagte er zu  ZEIT online . Tatsächlich warnt das Schreiben vor allem vor Konfliktsituationen, in die deutsche Soldaten "mit israelischen Soldaten oder auch Zivilpersonen" geraten könnten, die nun durch einen Marine-Einsatz höchst unwahrscheinlich geworden sind.