Am Tag danach wirkte die Linkspartei.PDS vor allem ratlos. Am Sonntag hat sie in der Hauptstadt etwas für sie völlig Neues erlebt: ein Debakel. Nach fünf Jahren Rot-Rot stürzte sie von 22,6 Prozent auf 13,4 Prozent ein Verlust von 9,2 Prozentpunkten. Nur bei den ersten Gesamtberliner Wahlen 1990 hat sie schlechter abgeschnitten. Und das Schlimmste: Im Ostteil der Stadt, ihrer "Herzkammer", wo vor vier Jahren noch die Hälfte der Wähler für die SED-Nachfolger stimmten, verlor sie gut 20 Prozentpunkte und liegt jetzt mit 28,1 Prozent hinter der SPD.

Insgesamt büßten die lange erfolgsverwöhnten Sozialisten bei der Abgeordnetenhauswahl die Hälfte ihrer Wähler ein. Die meisten davon gingen diesmal nicht zur Wahl, ein Teil wählte die linke Konkurrenz WASG, die SPD oder sonstige Parteien, von den Grauen über die Frauenpartei bis zur NPD.

Für andere Parteien sind solche Aufs und Abs, bisweilen auch dramatischen Abschläge, vertraut. Für die Genossen sind sie noch ungewohnt. So gesehen ist die PDS mit dem Ergebnis vom Sonntag endgültig in der Demokratie angekommen.

Es gibt drei wesentliche Gründe für den Absturz der Linkspartei. Erstens hat sich die Realpolitik im rot-roten Senat für sie nicht ausgezahlt. Fünf Jahre lang quälte die Partei sich in Berlin mit Haushaltsnotlagen, Gehaltskürzungen und Gebührenerhöhungen. Etwas zu verteilen, um die eigene Klientel ruhig zu stellen, das gab und gibt es in der Hauptstadt nicht mehr. Bis heute ist die Regierungsbeteiligung innerhalb der Partei umstritten, von den eigenen Genossen wurden die Senatoren regelmäßig als neoliberal und deren Politik als unsozial beschimpft. Selbst der Bundesvorstand der Linkspartei tat sich schwer, den Berliner regierenden Genossen eindeutig den Rücken zu stärken. Die WASG, mit der die PDS im kommenden Jahr bundesweit fusionieren will, die aber in Berlin mit einem fundamentalistischen Wahlkampf gegen die PDS antrat, tat da ein Übriges.

Immerhin kann die PDS in Berlin wie in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie schon vier Jahren ihre realpolitische Ernüchterung durch die Wähler erfuhr, vermutlich weiter regieren. Viel spricht dafür, dass Klaus Wowereit und Harald Ringstorff ihre rot-roten Bündnisse fortsetzen werden. Und wenn Machtbeteiligung ein Faktor für die Bewertung von Erfolg ist, dann war die Niederlage der Linkspartei.PDS in Berlin vielleicht bitter, aber ein Waterloo war sie nicht.

Zweitens wurde die Linkspartei in diesem Wahlkampf nicht von bundespolitischen Protesten beflügelt. Keine Wut über Arbeitsmarktreformen á la Hartz IV trieb ihr diesmal die Massen zu. Anders als 2001 hatte sie zudem keinen Spitzenkandidaten Gregor Gysi, der als Politentertainer rhetorisch gekonnt alle realpolitischen Hürden umschiffen und alle programmatischen Widersprüche übertünchen konnte.