Anfangs war die Begeisterung in Rom über die Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger zum Papst groß. Nicht erst seit seinen umstrittenen Äußerungen über den Islam bei einer Vorlesung während seines Heimatbesuchs in Bayern vergangene Woche macht sich aber nun Ernüchterung breit. Selbst eingefleischte Vatikansachverständige, die sonst stets ein gutes Wort für Benedikt XVI. parat haben, schütteln den Kopf. Von einem "Debakel", einem "Waterloo", war in der Zeitung La Repubblica am Montag die Rede. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche habe einen neuen Kurs eingeschlagen und mit der in 20 Jahren mühevoller Diplomatie aufgebauten, sanften Strategie Johannes Pauls II. gegenüber dem Islam gebrochen, moniert Vatikan-Experte Marco Politi. Wie soll es jetzt weitergehen mit dem Dialog der Religionen?

Der Papst habe zwar immer wieder betont, dass er den Dialog suche; jedoch habe er "intellektuelle Vorbehalte" gegenüber den Interpretationen des Islams, meint Politi. "Die eigentliche Frage ist doch, ob Ratzinger mit der islamischen Welt nur auf kultureller Ebene verhandeln will oder ihre Gleichwertigkeit anerkennt." Jesuiten-Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, ist hingegen überzeugt, dass Benedikt keineswegs einen neuen Kurs eingeschlagen hat. Vielmehr habe er mit seinen Äußerungen über einen rationalen, vernünftigen Gott einen "seriösen Dialog" anstoßen wollen.

Dennoch: Erste, zunächst kaum wahrnehmbare Anzeichen für einen "Kurswechsel" des neuen Papstes gab es schon länger. Hatte Karol Wojtyla 1986 die interreligiösen Friedenstreffen der Weltreligionen in Assisi ins Leben gerufen und sie enthusiastisch gefördert, schickte sein Nachfolger zum 20-jährigen Jubiläum nur eine Botschaft. Darin betonte er, man müsse dem Anschein einer Religionsvermischung entgegentreten: Die Voraussetzung für einen Dialog der Religionen sei, dass es keine Relativierung der Glaubensbekenntnisse gebe. Ratzinger verfolge zwar "die Theorie eines Dialogs", aber nur, wenn dieser in verschiedenen Häusern geführt werde, meint Politi.

Im Februar musste bereits Kurienerzbischof Michael Fitzgerald gehen: Vom Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und Sekretär des Rates für die Beziehungen zum Islam wurde der britische Islam-Experte zum Apostolischen Nuntius in Ägypten degradiert. Der neue Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone ist jedoch überzeugt, dass der Dialog mit der islamischen Welt gerade über diesen Päpstlichen Rat wieder in Gang kommen könnte.

Die weltweiten zornigen Reaktionen von Muslimen auf Benedikts Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos (1391-1425) sorgten innerhalb des Heiligen Stuhls für große Besorgnis. Aber gleichzeitig kann in Rom kaum jemand glauben, dass der gelehrte Papst aus Deutschland nicht mit eben diesen Reaktionen gerechnet hat. "Da muss man sich ernsthaft fragen, welche Berater er hat und warum sie ihm nicht von der Rede abgeraten haben", meint ein US-Journalist und Vatikankenner. Der Islam sei das heikelste Thema unserer Zeit, sagt Politi: "Deshalb muss ein religiöser Führer aufpassen, was er sagt."

Eine solch "öffentliche Korrektur", wie Benedikt sie am Sonntag beim Angelus-Gebet gemacht hatte, hat es denn auch in dieser Form noch nie im Vatikan gegeben. Mancher mag da schon an der "Unfehlbarkeit" des Papstes zweifeln - obwohl sich diese laut Erstem Vatikanischen Konzil nur auf "ex cathedra" (vom Stuhl Petri) verkündete Lehrsätze bezieht. In Regenburg aber sprach der Papst als Professor. Vielleicht sei gerade das sein großer Fehler gewesen, meint Vittorio Messori vom Corriere della Sera : "Dabei hat er nicht bedacht, dass die Medien seine Worte nicht als die eines Professors, sondern als die des Papstes bewerten würden." Moslems weltweit taten es nicht anders.

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Benedikt XVI. hat sein Bedauern über die Reaktionen auf seine Rede ausgedrückt. Die Gretchenfrage bleibt: Wie hält die islamische Welt es mit der Gewalt? Eine Presseschau "