In dem langgestreckten Saal im Berliner Abgeordnetenhaus, in dem die Landes-CDU an diesem 17. September darauf wartet, ihre Niederlage entgegenzunehmen, ist es heiß und riecht nach Kassler mit Sauerkraut. Schon am frühen Sonntagabend herrscht hier beträchtlicher Andrang, während es in den Räumen der anderen Fraktionen noch weitgehend leer ist. Im Gegensatz zur SPD, auf deren Party es nur Brezeln gibt, hat man bei der CDU ordentlich aufgefahren. Wenn es schon nichts zu feiern gibt, sollen die Parteimitglieder wohl wenigstens etwas Anständiges zu Essen bekommen.

Trotzdem kann man nicht gerade sagen, dass die Stimmung beklommen wäre. Eher schon ist sie gefasst, man isst, man trinkt, man unterhält sich. Die letzten Umfragen haben der Union Werte um 22 Prozent prophezeit, das ist noch weniger, als das katastrophale Ergebnis vor fünf Jahren, als die CDU wegen des Bankenskandals im politischen Nirwana versank. Doch an diesem Sonntagabend wären selbst die 23,8 Prozent von damals ein Traumergebnis.

Unter denen, die es sich an den runden Stehtischen gemütlich gemacht haben, ist auch Carsten Spallek, bisher Mitglied in der Bezirksverordnetenversammlung im Berliner Problem-Stadtteil Wedding. Die Umfragen, sagt er, machten ihn vor allem ratlos. Die Stimmung auf der Straße sei dieses Mal doch viel besser gewesen als sonst. Früher sei man als CDU-Mitglied in dem traditionsreichen Arbeiterkiez, der heute vor allem von Migranten und sozial Schwächeren geprägt wird, angepöbelt worden. Diesmal habe es viel Zustimmung gegeben.

Eine Erfahrung, die er mit seinem Spitzenkandidaten teilt. Auch Friedbert Pflüger hatte in den vergangenen Tagen immer von der guten Stimmung auf der Straße gesprochen. Als um kurz vor 18 Uhr dann zunächst die Wahlbeteiligung bekannt gegeben wird, blitzt zum letzten Mal ein kleines bisschen Hoffnung auf. Nur 59,1 Prozent haben sich an der Wahl beteiligt, 2001 waren es noch 68,1 Prozent. "Da sind die Sozis mal wieder alle zu Hause geblieben", frohlockt ein CDU-Abgeordneter.

Doch nur Sekunden später ist klar, dass auch dieser allerletzte Strohhalm nicht trägt. 21,5 Prozent prognostizieren die Statistiker der CDU. Es ist das schlechteste Ergebnis bei einer Wahl zum Abgeordnetenhaus in der Berliner Nachkriegsgeschichte. Die Anwesenden ertragen es schweigend. Als wenig später der unerwartete Absturz der Linkspartei um fast zehn Prozentpunkte verkündet wird, haben sie immerhin kurz Anlass zu klatschen.

Dann kommen die differenzierten Zahlen und die sind für die CDU erst recht niederschmetternd. Im Ostteil der Stadt hat die Partei gerade mal elf Prozent erreicht. "Das gibt’s doch gar nicht", murmelt ein junger Mann in einem gelben T-Shirt, das ihn als "Friend of Pflüger" ausweist. Drei Monate lang hat er den Spitzenkandidaten auf allen Wahlkampfveranstaltungen begleitet, hat Bühnen und Stände auf- und wieder abgebaut, Wahlplakate aufgehängt und Flugblätter verteilt. Und jetzt das. Auf seinen "Friend" will er gleichwohl nichts kommen lassen. "Der hat sehr hart gearbeitet", verteidigt er Pflüger.

Weiter oben in der Hierarchie ist man geübter darin, sich die Niederlage schönzureden. "Es hat ja Umfragen gegeben, die die CDU bei 18 oder 19 Prozent sahen", sagt Alexander Kaczschmarek. Verglichen damit sei das Ergebnis doch gar nicht so schlecht. Er wäre Finanzsenator geworden, wenn Pflüger wider Erwarten ein Wunder vollbracht und die CDU an die Regierung zurück katapultiert hätte. Für ihn bleibt Pflüger denn auch der Hoffnungsträger für die Berliner CDU. "Er hat es geschafft, in der Partei eine neue Aufbruchsstimmung zu verbreiten", sagt er.