Auch der Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses und Ex-Senator Peter Luther übt sich in professioneller Abgeklärtheit. "Auf 23 Prozent kommen wir noch", hofft er um kurz nach sechs. Heute Abend habe sich im Übrigen die alte Wahrheit bestätigt, dass Regierungen eben erst nach der zweiten, nicht schon nach der ersten Legislaturperiode abgewählt werden könnten.

Neben ihm steht der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, einer der Hauptverantwortlichen für die Krise des Landesverbands. Doch von Zerknirschung ist ihm wenig anzumerken. Gut gelaunt nimmt er einen Schluck von seinem Bier und verkündet es als Erfolg, dass Rot-Rot immerhin keine komfortable Mehrheit mehr habe.

Dann kommt er endlich, der Spitzenkandidat. Minutenlanger Beifall brandet auf. Eine Frau versucht es mit "Pflüger-Pflüger!"-Rufen, findet dafür allerdings keine Nachahmer. "Die CDU ist in Berlin wieder da", verdreht der Kandidat tapfer das Wahlergebnis und wird dafür freundlich beklatscht. Und dann kommt der Satz, den sie alle von ihm erwarten: Noch in dieser Woche werde er sein Bundestagsmandat und auch seinen Staatsekretärsposten aufgeben und sich im Abgeordnetenhaus als Fraktionsvorsitzender zur Wahl stellen.

Dass er damit Begeisterung auslöst, kann Pflüger nach diesem Ergebnis nicht ernsthaft hoffen, doch auf nennenswerten Widerstand wird er wohl auch nicht stoßen. Die Berliner CDU braucht ihn, ein anderer Erlöser ist nicht in Sicht. In fünf Jahren, spekulieren nun alle, wenn der Sieger des Abends, der regierende SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit, sich in die Bundespolitik verabschiedet hat, könnte der sachliche Pflüger durchaus eine Chance haben. Denn dass es mit der Großen Koalition, die Pflüger ganz durch die Hintertür dann auch noch anbietet, in Berlin schon diesmal etwas werden könnte, das glaubt in der CDU wohl niemand ernsthaft - trotz der äußerst knappen Mehrheit, die Rot-Rot oder Rot-Grün zusammenbringen.

Wenige Schritte weiter, auf der Party der SPD, könnten sich die Fans einer Berliner Großen Koalition unschwer davon überzeugen, dass in der Tat kein Anlass zu derlei Hoffnungen besteht. In der Partei gebe es eine 50/50-Präferenz für Rot-Grün oder Rot-Rot, nach Rot-Schwarz stehe niemand der Sinn, heißt es dort. Auch Dreier-Kombinationen werden abgelehnt. Mit einer Stimme Mehrheit lasse sich doch prima regieren, finden die meisten. Zu viele Köche verdürben ohnehin nur den Brei.

Etwas anders sieht das notgedrungen die Linkspartei. Sie hatte sich für den Wahlabend den Festsaal reserviert und als einzige Fraktion eine Band engagiert, doch nach den ersten Prognosen haben die Musiker die Instrumente wieder eingepackt. Im Gegensatz zur CDU trifft die Niederlage die Feierwilligen hier unvorbereitet. Wider Erwarten hat die Partei weit mehr Prozente verloren, als ihre Abspaltung, die WASG, gewonnen hat. Das macht verhandlungsbereit, auch Rot-Rot-Grün wird da nicht ausgeschlossen, obwohl Linke und Grüne sich im Wahlkampf um ihre teils gemeinsame Wählerklientel nichts geschenkt hatten.

Während sich die Linkspartei noch solchen trüben Rechnereien hingibt, herrscht bei den Grünen Feierstimmung bei Rotwein und Multi-Kulti-Knabberzeug. Fröhliches Lachen bricht los, als ein gequälter Pflüger auf dem Bildschirm erneut beteuert, die CDU sei wieder da in Berlin. "Wo denn?", gluckst eine Abgeordnete. Für die Linkspartei hat hier kaum jemand Sympathien übrig, mit der FDP überwiegt dagegen das Mitleid. "Die nehmen wir auch noch mit ins Boot", ruft einer der Grünen fröhlich, als FDP-Spitzenkandidat Martin Lindner im Fernsehen wortreich zu erklären sucht, warum die Liberalen von der Niederlage der CDU nicht profitieren konnten. Die kleine grüne Truppe ist sich jedenfalls sicher: Hier in Berlin werden sie beweisen, dass Rot-Grün doch kein Auslaufmodell ist.

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