Was denken Deutsche, wenn sie an China denken? Wenig Angenehmes offenbar. "Die Angst vor dem Drachen geht wieder um", leitet die Frankfurter Rundschau ihren Kommentar zum Staatsbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao ein. Die Welt zitiert Napoleon: "Lasst den Drachen schlafen, denn wenn er erwacht, wird er den Erdkreis erschüttern". Am deutlichsten aber hat wohl der Spiegel die allgemeine Verunsicherung illustriert: Unter der Titelzeile "Angriff aus Fern-Ost – Weltkrieg um Wohlstand" ist eine chromglänzende Armee von chinesischen Terracotta-Kriegern auf dem Cover zu sehen, "eine nur wenig kaschierte Neuauflage von Kaiser Wilhelms Gelber Gefahr", wie die Berliner Zeitung feststellt.

Keine Frage: Der chinesische Aufstieg und die Methoden, derer sich das Riesenreich dabei bedient, haben im Westen uralte Abstiegsängste wiederbelebt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine neue Studie belegt, wie sehr Deutsche, aber auch Europäer und Amerikaner im Vergleich zu dem Milliardenvolk im Osten ins Hintertreffen zu geraten drohen. "Chinas rasante Entwicklung vom Bauernstaat zur Wirtschaftsmacht verunsichert", resümiert die Frankfurter Rundschau . Ein neuer Kulturkampf zeichnet sich zumindest als Möglichkeit am Horizont ab.

Für den Staatsbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten bildeten solche Ängste gleichwohl nur den unausgesprochenen Hintergrund. Dass Merkel und Wen den Ratschlag des Philosophen Konfuzius beherzigen würden, die Dinge beim Namen zu nennen, konnte wohl, wie die Berliner Zeitung schreibt, niemand ernsthaft erwarten. Statt dessen sei es um einen "höflichen, sorgfältig vorbereiteten Abgleich längst bekannter Positionen" gegangen. Ein Interesse an Konfrontation habe es schon deswegen nicht geben können, weil die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit so groß ist. China ist nämlich Deutschlands größter Exportmarkt in Asien, Deutschland wiederum das Land in Europa, das die meisten chinesischen Waren einführt.

In den deutschen Appellen an Peking, die Menschenrechte zu achten und die Verletzung von Patentrezepten sowie Dumping-Preise zu bekämpfen, sieht die Berliner Zeitung denn auch nur ein "diplomatisches Ritual". Dahinter stehe "auf deutscher Seite die Erkenntnis, dass die Politik längst nicht mehr in der Lage ist, Chinas wirtschaftlichen Aufschwung in Bahnen zu lenken, die den eigenen Macht- und Wohlfahrtsinteressen entsprechen".

Auch Die Welt malt die Entwicklung in dramatischen Farben. "Heute ist China in der ganzen Welt auf Öl-Einkaufstour, nicht mehr fassweise, sondern firmenweise. Bald gilt das auch für Schlüsselindustrien, namentlich im Automobilbau." China sei dabei zu einer Weltmacht aufzusteigen, die Weltprobleme schaffe. Der Umgang damit sei die größte Herausforderung für Europa, Amerika und Russland.
 
Ganz ähnlich sieht das die Financial Times Deutschland . Entscheidend im Verhältnis zu China sei, dass der Westen, also Europa und die USA, endlich an einem Strang zögen und China nicht länger hoffen könne, die Europäer als Gegenmacht zu den USA zu gewinnen.
 
Gleichwohl hält die FTD China durchaus noch für beeinflussbar. Der Imagefaktor, glaubt das Blatt, solle keineswegs unterschätzt werden. ""China ist aus eigenem Interesse mit Ehrgeiz darangegangen, Unternehmensbuchhaltung, Energiepreise und Finanzmärkte transparenter zu gestalten – weil es den Makel der Unprofessionalität loswerden will." Selbst in Sachen Menschenrechte zeige Peking sich nicht unbeeindruckt. So habe der Ministerpräsident unaufgefordert Berichte über die Einschränkung der Pressefreiheit als "Missverständnisse" abgetan. Eine Einschätzung, die von Frankfurter Allgemeine Zeitung geteilt wird: "Abseits der großen Bühne ist Peking doch weiter um seinen Ruf besorgt."

Auch beim Tagesspiegel hat man den Glauben an die Beeinflussbarkeit Pekings und die Gültigkeit europäischer Erfahrungen noch nicht verloren. Auf Dauer könne ökonomische Freiheit ohne ihr politisches Pendant nicht gedeihen, hofft man unverdrossen, obwohl die chinesische Entwicklung derzeit eher das Gegenteil zu belegen scheint. Und auch Merkels Eintreten für die Menschenrechte wird als "leise, aber klar" gewürdigt. Interessanterweise wird der positive Grundton durch die Karikatur auf der gleichen Seite eher widerlegt. Auf der sieht man rechts und links von Wen je eine Angel Merkel. Der Chinese deutet auf die eine von ihnen und sagt: "Haben wir uns echt selbst ausgedacht: Unsere neue chinesische Ministerin gegen Produktpiraterie".  

In der Frankfurter Rundschau wird dagegen umfassend Entwarnung gegeben. Der illegale Wissenstransfer in Form von Produktpiraterie sei "weder  neu" noch "für die westlichen Staaten wirklich gefährlich. Die Warnungen vor der Wirtschaftsgroßmacht China sind Panikmache." Der Untergang der westlichen Industriestaaten sei auch von beim Aufstieg Japans und später im Hinblick auf die Entwicklung Koreas und anderer asiatischer Tigerstaaten vorhergesagt worden. "Trotzdem werden bis heute in Wolfsburg und Ingolstadt Autos gebaut". Schon, könnte man sagen. Noch. T-Shirts werden in Deutschland allerdings keine mehr genäht.

Ein anderes Argument lässt sich dagegen weniger leicht entkräften, es ist moralischer Natur. "Chinas Aufstieg bedeutet auch, dass ein Fünftel der Menschheit künftig in gesicherter Existenz und in einem bescheidenen Wohlstand lebt. Dagegen sollte sich der Westen nicht wehren."