Man mag es kaum glauben: Morddrohungen gegen den Papst? Wegen eines Zitats aus dem 14. Jahrhundert? In der Tat befürchten Sicherheitspolitiker und Terror-Experten, dass Benedikt XVI. nach den heftigen Reaktionen auf seine Rede verstärkt ins Visier islamistischer Extremisten gerät. Im Internet droht al-Qaida dem Kirchenoberhaupt und dem Westen Gewalt an, wie tagesschau.de und Spiegel Online berichten: "Wir sagen dem Diener des Kreuzes: Warte auf die Niederlage", heißt es in der Erklärung des Terrornetzwerks. "Wir sagen den Ungläubigen und Tyrannen: Wartet, was euch heimsuchen wird. Wir setzen unseren heiligen Krieg fort. Wir werden das Kreuz zertrümmern."

Im Irak drohte die Gruppe "Armee der Mudschahedin" mit Angriffen auf den Vatikan. In Somalia sei zur "Jagd auf den Papst" aufgerufen worden, meldete das italienische Fernsehen. Eine italienische Ordensschwester wurde bereits in Mogadischu erschossen, offenbar als Reaktion auf die Papst-Rede.

Brennende Kirchen waren auch im Fernsehen zu sehen – obwohl der Papst am Wochenende sein tiefes Bedauern ausdrückte. "Es handelte sich dabei um ein Zitat eines mittelalterlichen Textes, der in keiner Weise mein persönliches Denken widerspiegelt", sagte Benedikt in einer Ansprache. Er nahm aber keine Aussage zurück und entschuldigte sich auch nicht, wie es muslimische Geistliche verlangt hatten.

Muslimische Organisationen in Deutschland begrüßten die Klarstellung Benedikts. Der Zentralrat der Muslime erklärte, die Papst-Erklärung sei der "wichtigste Schritt" gewesen, um den Protesten in der islamischen Welt entgegenzuwirken. Ähnlich äußerten sich der französische Muslim-Dachverband CFCM und der Muslimrat von Großbritannien. Ein Sprecher der ägyptischen Muslimbruderschaft sagte: "Gleichgültig, ob er (der Papst) es in guter oder schlechter Absicht gesagt hat, wir akzeptieren seine Entschuldigung, denn wir wollen keine Krise zwischen Muslimen und Christen heraufbeschwören."

Doch nicht überall gab es mäßigende Reaktionen. In verschiedenen iranischen Städten demonstrierten islamische Geistliche gegen die Papst-Rede. Ahmad Chatami, Mitglied des höchsten islamisches Rates des Landes, warf dem Pontifex mangelnde Kenntnis der islamischen Lehren vor und kritisierte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Papst im Streit um das von ihm verwendete Zitat unterstützt hatte. In Marokko protestierte König Mohammed VI. gegen die Äußerungen des Papstes. Der Monarch rief den marokkanischen Botschafter beim Vatikan zurück und übermittelte eine Protestnote. Der Mufti von Saudi-Arabien empfahl dem Papst am Sonntag, "sich eingehender mit dem Islam zu befassen". Dann werde Benedikt XVI. feststellen, dass der Islam nicht mit dem Schwert verbreitet worden sei, sondern durch "gute Worte" und überzeugende Argumente.

Im Fernsehsender al-Dschasira warf der einflussreiche islamische Würdenträger Scheich Jussuf al-Kardawi dem Papst vor, sich mit seiner Klarstellung am Sonntag nicht wirklich entschuldigt zu haben. "Das sind keine Entschuldigungen. Das ist ein an die Moslems gerichteter Vorwurf, dass sie seine Worte nicht verstanden haben", sagte er. Solange Benedikt XVI. seine Worte nicht zurückziehe, werde der Dialog zwischen Muslimen und Christen eingestellt.

Die Empörung auf den Straßen islamischer Länder scheint dem Modell des Karikaturen-Streits zu folgen: Scharfmacher, oft in Unkenntnis der eigentlichen Rede Benedikts, wiegeln die Massen auf. Die Menschen fühlen sich beleidigt und sehen ihre Religion verraten. Der Kontext des Auslösers geht im Aufruhr unter. "Taktlos, aber nicht feindselig" sei die ursprüngliche Rede Benedikts gewesen, schreibt der Spiegel , der es sich dennoch nicht nehmen lässt, den Konflikt reißerisch auf den Titel zu heben. "Papst gegen Mohammed. Glaubenskampf um den Islam, die Vernunft und die Gewalt", lautet die Schlagzeile, die illustriert wird von einem Foto des sanft lächelnden Papstes mit ausgebreiteten Armen.

Der Vatikan bemüht sich indes weiter, die Wogen zu glätten. Der Heilige Stuhl habe jetzt seine apostolischen Nuntien in den islamischen Ländern der Welt damit beauftragt, den politischen und religiösen Autoritäten den Inhalt der Rede von Benedikt XVI. genau zu erklären, sagte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone der Zeitung Corriere della Sera : "Die Elemente der Rede, die bisher vernachlässigt wurden, müssen hervorgehoben werden." Bisher sei die Rede des Papstes manipuliert und ganz anders dargestellt worden, als sie gemeint war, fügte Bertone hinzu. Er glaube weiterhin, dass Benedikt XVI. Ende November wie geplant in die Türkei reisen werde.