Herr Kiefer, waren Sie wirklich schon immer Fan von Hannover 96?
Nicolas Kiefer: Ich glaube, dass es keinen Jugendlichen gibt, der noch nie Bayern-Fan gewesen ist. Ich war es auch, bis ich zehn oder elf Jahre alt war. Da sagte mein Vater: „Komm, wir fahren jetzt mal nach Hannover zu einem Spiel.“ Das war noch zu Zweitligazeiten. Keine Ahnung, gegen wen. Wir sind auf den Holzbänken gesessen, ganz oben im Stadion, unter ganz vielen Leuten, eine super Atmosphäre. Von da an wollte ich immer wieder zu den Heimspielen von 96.

Waren Sie traurig, als das Stadion, an das Sie sich so genau erinnern, umgebaut wurde?
Da geht natürlich etwas verloren, wenn man so einen traditionsreichen Bau abreißt. Andererseits ist man nun viel näher dran. Dieses reine Fußballstadion hat sicher auch viele dazu bewegt, sich mal wieder 96 anzuschauen. Letzte Saison waren es 16.000 Dauerkarten, diese Saison sollen es ja über 20.000 werden. Ich merke das selbst in meinem Freundeskreis, wo jeder über Fußball spricht.

Gerhard Schröder, die Scorpions, Oliver Pocher – gibt es noch andere Promis, die ins Stadion kommen?
Nicht, dass ich wüsste. Altkanzler Schröder trifft man in Hannover ja überall. Und die Scorpions sind genauso viel unterwegs wie ich, deshalb sehen wir uns eher am Flughafen.

Sie haben zuletzt mit einem 96-Trikot gespielt, auf dem die 69 aufgedruckt war. Warum das?
Letztes Jahr hatte ich meine ersten beiden Spiele mit den Roten. Ein Benefiz- und ein Freundschaftsspiel. Da brauchte ich natürlich auch eine Rückennummer. Die 96 war aber geschützt. Also haben wir die Zahl einfach umgedreht. Das Trikot kann man sogar im Fanshop kaufen, da hängt dann das Torwarttrikot mit der Nummer eins von Robert Enke und daneben die Nummer 69 von Kiefer. Super! In diesem Jahr fragte mich mein Ausrüster dann, ob wir für die deutschen Turniere dieses Trikot produzieren wollen. Damit habe ich dann auch wirklich gespielt.

Und wie war das bei den Spielen mit den Profis aus Hannover?
Es ist ja nicht so, dass ich der einzige Tennisspieler wäre, der Fußball spielt. Es gibt sogar richtige Länderspiele unter uns Profis. Da treten wir Deutschen gegen Franzosen oder Spanier an. Irgendwann kam eben diese Anfrage von den Roten, ob ich bei einem Benefizspiel mitmachen wolle. In der zweiten Halbzeit kam ich rein und habe auch prompt in der 60. Minute geknipst. Mit dem Kopf!

Bitte erzählen Sie.
Ich sah, wie Silvio Schröter den Ball reinflankt. Er kam direkt auf mich. Ich stieg hoch und drin war er. Ich habe wahnsinnig gejubelt, alle kamen auf mich zugerannt. Da bin ich abends mit meinen Freunden erst mal feiern gegangen. Und dann rief der damalige Trainer Ewald Lienen noch mal an: „Gute Leistung, Samstag nächstes Spiel.“ Wir spielten gegen eine Bezirksklassenauswahl. Und da gab es eine identische Situation. Nur dass ich ganz knapp vorbeiköpfte. Dann ging es auf den Rängen schon los: „Im Tennis haut er die Bälle ins Netz und im Fußball daneben!“

Hatten Sie gar keine Angst, dass Sie sich verletzen könnten?
Doch, es ging ja auch ganz schön auf die Knochen. Das ist aber so beim Fußball, da sind die Eins-gegen-eins-Situationen gefragt, und nur wer sich durchsetzt, kann was erreichen. Ich liebe den Mannschaftsport. Im Tennis bist du halt immer nur mit einem kleinen Kreis von Leuten zusammen. Umso wichtiger ist die Ausstrahlung auf dem Platz. Wie beim Fußball ist alles in gewisser Weise ein Theaterspiel. Die letzten vier, fünf Prozent spielen sich nur im Kopf ab, es kommt darauf an, wie man sich auf dem Platz verhält. Wenn einer nicht gut spielt, den Kopf aber oben behält, denkt man als Gegenspieler, dass da noch was kommt. Nehmen wir Roger Federer. Der zeigt nie Schwäche und ist immer präsent.

Hatten Sie schon einmal so eine Extremsituation, die Sie durch Körpersprache gemeistert haben?
Bei den Australian Open, im Viertelfinale gegen Sebastien Grosjean. Da war ich fast schon draußen, aber ich habe weitergekämpft. Im fünften Satz war ich platt. Ich konnte nicht mehr, ich konnte wirklich nicht mehr stehen, habe aber gesehen, dass es meinem Gegner genauso ging. Ich bin dann eben doch stehen geblieben. Sobald er sich umgedreht hat, habe ich Luft geholt, wenn er mich angeschaut hat, bin ich rumgesprungen. Er ist dann eingebrochen.

Ein echter Zweikampf.
Auf jeden Fall. Man hat einen Schläger, einen Tennisball und muss versuchen, den Gegner zu schlagen. Beim Fußball wird halt jemand eingewechselt, der hilft, wenn zum Beispiel über rechts nichts geht. Und sonst hast du immer noch zehn Leute, die dir helfen.

In der Bundesliga kann angeblich jeder jeden schlagen – ist das auch im Spitzentennis so?
Abgesehen von Federer und Rafael Nadal, die Nummern eins und zwei der Welt, mit denen muss ich mich nicht messen. Für mich ist der Maßstab, gegen die Nummern drei bis sechs zu gewinnen. Aber eigentlich hat die Bundesliga auch ihren Federer. Er heißt eben FC Bayern.

Gerade fragt sich die Nation, ob die Fußballprofis ausreichend und richtig trainieren.
Wenn ich Schlagzeilen lese, dass Fußballspiele in die Abendstunden verlegt werden sollen, weil es nachmittags zu warm ist, dann denke ich nur: Bitte, bitte, bitte guckt euch doch mal andere Sportarten an. Wir haben doch in diesem Sommer das beste Wetter überhaupt gehabt. Was gibt es denn Schöneres, als bei der Wärme zu kicken? Da muss man das Training darauf einstellen, die Ernährung, alle Facetten seines Profisportlerlebens.

Angeblich ist die Trainingsintensität kaum noch zu steigern.
Wenn ich einmal am Tag trainiere, kann ich nicht erwarten, dass ich ein Nachmittagsspiel im Hochsommer aushalte. Wir Tennisspieler können doch auch nicht sagen, es hat 40 Grad, bitte setzt das Match auf 21 Uhr an. Die Fußballer haben doch wirklich ein schönes Leben. Die sind fast immer zu Hause, die ganze Woche, sehen ihre Familien, ihre Kinder, spielen mindestens vor 20.000 bis 30.000 Zuschauern. Außerdem wissen Fußballer immer, dass sie 90 Minuten Gas geben müssen, vielleicht mal 94. Ich weiß das nicht, weil ein Spiel mal eineinhalb, mal fünf Stunden dauert. Da geht es viel mehr über die Fitness.