Den Ungarn mag ihr Regierungschef aus der Seele gesprochen haben. Denn wahrscheinlich waren sie wie die Mehrzahl der Bürger anderer Länder schon lange der Meinung, dass ihre Regierung (egal welche) nichts oder zumindest nichts richtig macht und dass ihre Politiker allzu häufig die Unwahrheit sagen. Dennoch haben sie die regierende sozialistisch-liberale Koalition im April wiedergewählt. Umso mehr dürften sie jetzt von den offenen Worten ihres Premiers überrascht sein, der nach der Wahl in einer Fraktionssitzung in harschem Ton die eigene Regierung und deren fehlenden Reformen gegeißelt hatte ("Ich kann keine Regierungsmaßnahme nennen, auf die wir stolz sein könnten").
"Nichts, auf dass wir stolz sein könnten." Bekenntnis des ungarischen Premiers Gyurcsany

Ein Schelm hatte einen Mitschnitt davon dem staatlichen Rundfunk zugespielt, der die Originaltöne am Wochenende ausstrahlte. Seitdem demonstrieren vor dem Budapester Parlament Tausende Ungarn, aber nicht etwa, um den Ministerpräsidenten für seine Ehrlichkeit zu loben, sondern um seinen Rücktritt zu verlangen.

Dennoch sollten sich unsere Politiker an der heldenhaften Selbstkasteiung ihres ungarischen Kollegen ein Beispiel nehmen. Wie wäre es etwa gewesen, wenn Gerhard Schröder nach seiner Abwahl vor einem Jahr öffentlich bekannt hätte, dass er mit seiner Reformagenda viel zu spät begonnen, er sie schlecht vermittelt habe und ihn die Wähler deshalb ganz zu recht aus dem Amt gejagt hätten statt sich in peinlicher Weise daran zu klammern? Hätte da die Wähler nicht eine stille Genugtuung ergriffen, die ihre Politikverdrossenheit womöglich um einige Grade verringert hätte? Und wie wäre es, wenn seine Nachfolgerin Angela Merkel nicht nur im Kreis ihrer Getreuen, sondern in einer Fernsehansprache zugeben würde, dass das erste Jahr Schwarz-Rot eher ein Gegurke war, sie vor den Wahlen ganz etwas anderes versprochen hatte und ihre Partei bei den Landtagswahlen am Wochenende mit gutem Grund abgestraft wurde? Würde da die Wahlbeteiligung nicht gleich wieder nach oben schnellen?

Und stünde nicht auch George W. Bush wesentlich besser da, wenn er endlich eingestände, dass der Irakkrieg ein furchtbarer Fehler war und er das eigene Volk und die ganze Menschheit im Vorfeld belogen hat? Selbst ein Osama bin Laden könnte bei uns ein wenig Sympathie gewinnen, wenn er in einer Tonbandbotschaft verkünden würde, der von ihm entfachte islamistische Terror sei ein grauenhafter Irrweg und er sich deshalb auf dem Verkehr ziehe.

Aber nichts da. Statt sich "ehrlich zu machen", wie einmal eine politische Modefloskel in Deutschland lautete, teilte Vizekanzler Franz Müntefering frech mit, dass die Parteien auf ihre Wahlprogramme ohnehin pfeifen und die Bürger die nur ja nicht für bare Münze nehmen sollten. Angela Merkel verkündete nach den Wahlschlappen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ein fröhliches Weiter-So, ganz wie ehedem ihr Vorgänger Schröder ("Ich kann nur diese Politik"). Und Bush glaubt öffentlich noch immer an den "Sieg" im Irak.

So werden Politiker aus aller Welt dem ungarischen Premier mit dem schwer aussprechbaren Namen denn auch natürlich nicht nacheifern, sondern ihn ob seiner Tölpelhaftigkeit tadeln, dass er nicht nur solche Bekenntnisse von sich gibt, sondern auch nicht verhinderte, dass sie verbreitet werden. Immerhin wusste ja auch Herr Gyurcsany, warum er erst nach und nicht schon vor der Wahl seine eigene Unfähigkeit eingestand. Zu viel Ehrlichkeit sollte ja nun auch wieder nicht sein.