Die Logik der politischen Spekulation ist furchtbar einfach. Kaum hat ein Politiker eine Landtagswahl gewonnen, wird er, von den Medien und von Parteifreunden, für höhere politische Aufgaben gehandelt. Nicht jeder hat dabei wohlmeinende Absichten. Das geht Klaus Wowereit nicht anders, zumal die Personaldecke in der SPD dünn ist und Wowereit selbst im Wahlkampf unermüdlich über seine bundespolitischen Ambitionen räsoniert hat. Das hat er nun davon. Berlins Regierender Bürgermeister ist der Sieger der Abgeordnetenhaus-Wahl vom Sonntag, und schon gilt er als linker innerparteilicher Gegenspieler und Konkurrent des "rechten" Parteichefs Kurt Beck, als möglicher sozialdemokratischer Kanzlerkandidat 2009 und Herausforderer der christdemokratischen Amtsinhaberin Angela Merkel.

Die Logik der politischen Spekulation will es allerdings auch, dass sowohl an den Stammtischen der Republik als auch in den politischen Salons der Hauptstadt nun gleich auch noch eine andere Frage diskutiert wird: Kann ein schwuler Politiker in Deutschland ein politisches Spitzenamt bekleiden, gar Kanzler werden? Also sozusagen die Frage, der sich einstmals Wolfgang Schäuble als Behinderter und später Merkel als Frau ausgesetzt sahen, in anderer, verschärfter Form.

Die Hauptstadt und ihrer Wähler haben diese Frage eindeutig beantwortet. Die Berliner haben mehrheitlich akzeptiert, dass ihr Bürgermeister schwul ist, dass er sich offensiv dazu bekennt und bei der Schwulenparade am Christopher-Street-Day vorne weg marschiert. Und sie finden es völlig selbstverständlich, dass der Wahlsieger Wowereit am Wahlabend öffentlich seinen Lebensgefährten in den Arm nimmt, ganz so, als sei dieser die First Lady der Stadt. Der Berliner im Allgemeinen ist schließlich stolz darauf, tolerant, liberal und weltoffen zu sein.

Dabei war Klaus Wowereit sich da anfangs selbst gar nicht sicher. Gerade einmal fünf Jahre ist es her, da trat ein ziemlich unbekannter Berliner Landespolitiker an die Mikrofone eines SPD-Landesparteitages und bewarb sich nach dem Bruch der Großen Koalition in der Hauptstadt bei seinen Parteifreunden mit einer holprigen Rede für die Kandidatur um das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Zum Schluss seiner Rede folgte jener inzwischen legendäre Satz, der Wowereit quasi auf einen Schlag bundesweit bekannt gemacht hat: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so." Der Mut, den es brauchte, sich als erster deutsche Spitzenpolitiker offen zu seiner Homosexualität zu bekennen, dieser Mut schwang in diesem Moment in seiner Stimme mit.

Wowereit wollte mit seinem Outing im Juni 2001 allen öffentlichen Spekulationen in den Medien und möglichen Kampagnen der Union zuvorkommen, aber er konnte nur schwer einschätzen, wie die Wähler darauf reagieren würden. Es war eine Bauchentscheidung, das Bekenntnis war nicht von langer Hand vorbereitet, und rückblickend sagt Klaus Wowereit mit ein wenig Understatement, sein Outing habe ihm weder genützt noch geschadet. Viele Berliner würden homosexuelle Politiker weiterhin anders betrachten, und selbst Homophobie gebe es in Teilen der Hauptsstadt, da mache er sich nichts vor, er bekomme immer noch Schmähbriefe. Dabei achtet Klaus Wowereit sehr genau darauf, dass er in der Öffentlichkeit nicht als schwuler Interessenvertreter wahrgenommen wird, immer wieder betont er: "Ich bin kein Politiker, der schwule Politik macht."

Nur selten haben die anderen Parteien in den vergangenen Jahren versucht, Wowereit mit dem schwulenfeindlichen Ressentiments anzugreifen. Zum Beispiel, als Wowereit im vorigen Jahr als Schirmherr einer internationalen Messe auftrat, auf der sich die homosexuelle Leder- und Fetisch-Szene präsentierte. Die Union kritisierte sein Engagement für ein solches "Sado-Maso-Fest" als "jenseits der guten Sitten", stieß aber auf wenig Resonanz. Im Wahlkampf verzichteten sie dann fast völlig auf Anspielungen auf Wowereits Homosexualität. Einzig die Bemerkung, Berlin habe "mal wieder eine First Lady verdient", erlaubte sich der CDU-Herausforderer Friedbert Pflüger gelegentlich. Wowereit konterte schlagkräftig und fragte seinen Herausforderer, der sich gerade scheiden lässt, an welche er da denke, an "seine Noch-Gattin oder seine neue ..." Das Ergebnis ist bekannt: Pflüger erlebte ein Debakel, Wowereit feiert und richtet seinen Blick auf die Bundespolitik.