Als Kritiker wird man nicht geboren, man schlittert eher zufällig in dieses umstrittene Gewerbe hinein. Am Beginn steht meist die zweckfreie Musikleidenschaft. Man ist bereit zu investieren, ohne an künftige Zeilenhonorare oder gar den feuchten Händedruck eines Chefredakteurs zu denken.

Wenn man, wie ich, das Pech hatte, in die Provinzhauptstadt Bregenz am Bodensee geboren zu werden und dort in den Siebzigern seine Jugend zu verleben, dann war man, musiktechnisch gesehen, ziemlich weit hinten. Der lokale Elektrohändler hatte, neben Zigaretten und Kassettenrekordern, zwar auch Langspielplatten im Angebot, doch in den Regalen dominierten, neben den konsensfähigen Beatles und Stones, vor allem Karel Gott, Roy Black und allerlei volkstümliche Dirndl- und Lederhosenträger. Vermutlich durch eine Fehlbestellung war zwischen die Musiklieferanten für die schweigende Mehrheit auch eine LP gerutscht, auf deren Hülle ein Mann mit einer Forellenmaske über dem Kopf zu sehen war: Trout Mask Replica eines gewissen Captain Beefheart und seiner Magic Band.

Wochenlang wendete ich das rätselhafte Stück hin und her und las die Titel der Songs – Dachau Blues machte besonders viel Eindruck –, ehe ich mich zum Kauf entschloss. Um dann den ersten Kulturschock meines Prä-Kritikerlebens zu erleiden, was vermutlich jeder, der die Platte kennt, nachvollziehen kann. Beefheart blieb die Ausnahme im kleinen Horror-Laden, der munter mit Bata Illic, Dahlia Lavi und Co. weitermachte.

Wer – angefixt durch die sich als „progressiv“ verstehende Zeitschrift Sounds, die man am Bahnhofskiosk erstehen konnte – neugierig wurde auf Namen wie Exuma, Ash Ra Tempel, Anthony Braxton, Clifford Thornton oder Tonto`s Expanding Head Band, musste schon etwas mehr recherchieren. So bestiegen mein Freund Christoph und ich einmal im Monat unsere Fahrräder, um die 40 Kilometer zur nächstgelegenen Schweizer Stadt Sankt Gallen zurückzulegen, in der drei einigermaßen gutsortierte Plattenläden verführerisch lockten. Erschwerend kam hinzu, dass die letzten zehn Kilometer bergauf verliefen, was die Vorfreude enorm beflügelte.

Da die Budgets damals stark beschränkt waren – im Durchschnitt etwa 40 Schweizer Franken, das reichte gerade mal für drei LPs – wurde viel Zeit auf die Auswahl verwendet. Das heißt: Wir hörten pro Geschäft einen Stapel von 30 Platten durch, ehe wir uns für eine entschieden, die dann als eiserne Ration bis zum nächsten Trip die musikalischen Grundnährstoffe lieferte. Soft Machine III, einer der bevorzugten Soundtracks unserer Adoleszenz, musste viermal nachgekauft werden: Das Ding war nach einem halben Jahr einfach so zerkratzt, dass man es nicht mehr abspielen konnte.

Im Gegensatz zum schnellen Herunterladen der Gegenwart war das Klangabenteuer also hart erkämpft, und deshalb habe ich bis heute jeden Takt von Pawn Hearts von Van der Graaf Generator oder von Golden Filth/ von The Fugs im Langzeitgedächtnis gespeichert, während Tausende Tonträger, die später im Laufe meines Kritikerlebens am inneren Ohr vorüberzogen, nur noch schemenhafte Erinnerungen hinterließen.

Musik war in dieser heroischen Initiationsphase mehr als nur akustische Freizeittapete. Es ging darum, sich zu unterscheiden, um Ausstiegsluken aus der Monotonie einer Kleinstadt im Würgegriff eines klerikal-konservativen Kleinbürgertums. Die „erhabenen Dissonanzen“, die der Kritiker Michael Bruce McDonald beim späten John Coltrane wahrnahm, schrien uns an: We don't need no education, We don’t need no thought control!