Vorsichtig beugt sich der Oberst über den alten Comandante . Das Staatsfernsehen darf in diesem intimen Moment dabei sein. "Mein Bruder", flüstert der sichtlich geschwächte Castro dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zu. Dieser umarmt den bettlägerigen Diktator und sagt leise, fast beschwörend: "Fidel, wir brauchen dich." Die Übertragung von dem geheimen Aufenthaltsort des 80-Jährigen endet mit einem bizarr anmutenden Duett: In die Kamera blickend murmeln sie "Vaterland oder Tod! Wir werden siegen!". Es ist die Parole der Revolution - und vielleicht zugleich ihr Abgesang.

Was war da los in Havanna? In der internationalen Berichterstattung wurde zuletzt oft vor einem radikalen Linksruck, ja sogar vor einer Rückkehr des Populismus auf dem südamerikanischen Kontinent, gewarnt. Doch die Ergebnisse im Superwahljahr 2006 sprechen dagegen:

  • Am 5. September erklärte das Bundeswahlgericht in Mexiko den Kandidaten der rechtskonservativen Regierungspartei, Felipe Calderón, zum Sieger der Wahlen vom 2. Juli. Denkbar knapp unterlag der populistische Linkskandidat Andrés Manuel López Obrador mit nur 0,6 Prozent weniger Stimmen.
  • Bei der Auftaktwahl siegte in Chile im Januar die moderate Sozialistin Michelle Bachelet über den rechten Kandidaten Sebastián Piñera. Bachelet löst damit ihren Parteikollegen Ricardo Lagos ab. Seit dem Ende der Militärdiktatur 1990 wird das Land von einer Koalition aus Christdemokraten, Sozialisten und Sozialdemokraten regiert.
  • In Kolumbien wurde im April der rechtskonservative Alvaro Uribe im Amt bestätigt. Im vorwiegend mittelinks-regierten Lateinamerika fällt der Harvard-Absolvent und Sohn eines Großgrundbesitzers als Verbündeter Washingtons aus dem Rahmen. Die Wähler des vom Bürgerkrieg geplagten Landes überzeugte Uribe mit seiner harten Hand gegen den Drogenanbau und bewaffnete Gruppen.
  • Im Juni fanden die Wahlen in Peru statt, die der Sozialdemokrat und Expräsident Alan García vor dem linksnationalistischen Oberstleutnant Ollanta Humala gewann. In den Medien wurde der Urnengang oft als "Wahl zwischen Pest und Cholera" (so die spanische Tageszeitung ElPaís ) bezeichnet. Garcías erste Amtszeit ging 1990 im Korruptionssumpf unter. Humala, mittlerweile wegen eines Massakers in den 1990-Jahren angeklagt, wurde offen von Venezuelas Präsident Chávez unterstützt.

Keine kontinentale Volksfront in Sicht

Auch die noch ausstehenden Wahlen werden laut Umfragen den Status Quo bestätigen. In Brasilien wird der gemäßigte Sozialist Luís Inácio Lula da Silva am 1. Oktober die Wahlen wieder für sich entscheiden. Vor den Wahlen im Oktober in Ecuador hat der Sozialdemokrat León Roldós die Nase vorn. Und in Venezuela zweifelt niemand an einem Sieg von Hugo Chávez im Dezember.

Die einzige Ausnahme ist Nicaragua. Hier steht ein Regierungswechsel an. Im November wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine konservative Regierung von der Linken abgelöst. In den Umfragen liegt Daniel Ortega vorne, der als Anführer der Sandinisten, die 1979 den Diktator Anastasio Somoza stürzten, das Land bereits bis 1990 regierte. Zwar ist von Ortega ein populistischer Regierungsstil zu erwarten. Seine Partei FSLN hat in den vergangenen Jahren aber eher gemäßigte, sozialdemokratische Töne verlauten lassen.

Insgesamt ist festzustellen: Seit vier Jahren gab es keine wesentlichen Veränderungen auf der politischen Landkarte. Auch im Superwahljahr 2006 dominiert das Rot der Mittelinksregierungen. Dazwischen bilden die Mitterechts- bis rechtskonservativen Regierungen in Kolumbien, Paraguay, Mexiko, Guatemala und El Salvador fünf schwarze sowie die Sozialisten in Venezuela, Bolivien, Kuba und bald Nicaragua vier rosarote Flecken.