Der Ort war mit Bedacht gewählt: Im prachtvollen, goldglänzenden Schloss Charlottenburg traf sich am Mittwoch erstmals ganz offiziell der deutsche Staat mit Vertretern seiner muslimischen Bewohner. Zweierlei sollte der Ort deutlich machen: Zum einen, dass man es mit einem Ereignis von wahrhaft historischem Rang zu tun habe. Zum anderen aber, und darauf hatte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble selbst hingewiesen, sollte ganz bewusst an die preußische Tradition der religiösen Toleranz angeknüpft werden. Schließlich hatte schon Friedrich der Große eine Devise ausgegeben, die ohne weiteres auch zum Leitsatz der heutigen Islamkonferenz hätte gemacht werden können: "Wenn Türken (und Heiden) kämen und wollten das Land bevölkern, dann wollen wir ihnen Moscheen (und Kirchen) bauen", schrieb der Preußenkönig 1740. Nur eine Voraussetzung nannte er dafür: Es müsse sich um ehrliche Leute handeln.

Ganz ähnlich ist auch das Angebot, das Schäuble mit der Islamkonferenz, die nicht einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess von zwei bis drei Jahren sein soll, an die 3,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime machen will. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, wenn sie sich umgekehrt zu den Grundwerten der deutschen Gesellschaft respektive dem Grundgesetz bekennen.

Bei der Konferenz erwies sich zunächst einmal, dass es zwischen Muslimen und Vertretern des deutschen Staates offensichtlich einen erheblichen Gesprächsbedarf gibt: Der Dialog dauerte nämlich eine gute Stunde länger als ursprünglich vorgesehen. Nachdem es im Vorfeld bereits zu Streitigkeiten über die Redezeiten gekommen war, habe man, so Schäuble, wenigstens in der Diskussion alle zu Wort kommen lassen wollen. Von dem Dialogbeauftragten der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Bayir Alboga, wurde dem Innenminister dies ausdrücklich hoch angerechnet. Insofern sei die Veranstaltung schon mal besser gelaufen als der unlängst abgehaltene Integrationsgipfel, sagte er.

Auch die Atmosphäre des Auftaktreffens wurde von allen Teilnehmenden recht positiv bewertet, und das, obwohl es, wie Schäuble freimütig einräumte, nicht nur harmonisch zugegangen sei. Der neben ihm sitzende Ditib-Vertreter drückte es so aus: Das Treffen sei von "freiheitlich-demokratischer Streitkultur" geprägt gewesen. Dass Alboga dennoch bester Laune war, verwundert indes wenig und lag sicher nicht nur daran, dass Fasten ihn, wie er bekannte, glücklich mache. Es ist ja gerade Ramadan. Vielmehr kann sich die Ditib, die als einzige der vier Verbände an der Pressekonferenz teilnehmen durfte, als besonders privilegierter Verhandlungspartner des Innenministeriums fühlen. Die Organisation gilt dem Innenministerium als besonders unverdächtig, da sie den säkularisierten türkischen Islam vertritt.

Doch auch der Vorsitzende des Islamrates in Deutschland, Ali Kizilkaya, der noch tags zuvor die Zusammensetzung der Teilnehmer heftig kritisiert hatte, sprach nach dem Treffen von einer "Chance". Komplimente gab es für Schäuble auch von der Islam-Kritikerin Necla Kelek. Schäuble habe für ein angenehmes Klima gesorgt, sagte sie zu ZEIT online .

Gleichwohl hatte es gerade zwischen ihr und Kizilkaya am heftigsten gekracht. Dass Kelek die kopftuchfreie Grundschule forderte, wollte der Vertreter des Islamrates nicht hinnehmen. Er habe ganz deutlich gemacht, dass er sich in religiösen Fragen nicht reinreden lassen wolle, sagte Kelek zu ZEIT online . Trotzdem sei es sehr positiv, dass die Vertreter der nicht organisierten Muslime deutlich hätten machen können, wie sie sich ein muslimisches Leben in Deutschland vorstellen. Kizilkaya sagte zu ZEIT online dagegen, es sei für ihn nicht hinnehmbar, dass Menschen, die den Islam nur kritisierten, bestimmen wollten, wie Muslime sich verhalten sollen. Über die Konzeption der Konferenz müsse noch einmal nachgedacht werden, sagte Kizilkaya. An den künftigen Verhandlungen will der Islamrat gleichwohl weiterhin teilnehmen.

Tatsächlich ist die Frage, wer denn die Muslime in Deutschland vertreten soll, einer der zentralen Streitpunkte, die die Konferenz zu lösen haben wird. Zwar erklärte der Ditib-Vertreter nach dem Treffen, die vier geladenen Verbände wollten in Zukunft sehr eng zusammenarbeiten. Nur rutschte ihm dabei die verräterischen Wörtchen "unter unserer Federführung" heraus, das er dann schnell wieder zurückzunehmen versuchte. Unfreiwillig offenbarte er so, wie weit entfernt selbst die Verbände noch davon sind, gemeinsam den Ansprechpartner zu stellen, den der deutsche Staat braucht, um dem Ziel einer rechtlichen Gleichstellung des Islams mit anderen Religionen näher zu kommen.