Wenn man es 1958 als Musiker in Brasilien zu etwas bringen wollte, musste man zunächst den Markt in São Paulo erobern. Dort hatte die Schallplatten- und Elektronik-Ladenkette Lojas Assumpção mit ihren Filialen das Sagen. Als ihr Geschäftsführer Álvaros Ramos im Spätsommer 1958 die 78er-Single eines vielversprechenden neuen Künstlers auf den Tisch bekam, war die Reaktion jedoch katastrophal. „Warum nehmt ihr jemanden, der erkältet ist?“, knurrte Ramos. Er nahm die Schellackplatte vom Spieler – und zerschlug sie an der Tischkante. „Das ist die Scheiße, die wir aus Rio kriegen.“

Ramos hielt nicht lange an seinem Urteil fest. Als ihm der Sänger mit dem vermeintlichen Rachenkatarrh persönlich vorgestellt wurde, war er sehr von ihm beeindruckt und nahm die Platte doch in den Handel. Ihr Titel: Chega de Saudade, zu Deutsch Nie wieder Sehnsucht. Ihr Interpret: João Gilberto. Ihre Folge: eine Revolution. Die Bossa Nova, die „Neue Welle“ sollte die Welt erobern.

„Charlton Heston, der mit den Zehn Geboten unter dem Arm vom Berg Sinai heruntersteigt – das war ungefähr das Gefühl, das die Leute hatten, die Chega de saudade von João Gilberto zum ersten Mal hörten. Später stellte sich heraus, dass keine andere brasilianische Platte so viele Menschen dazu inspirierte, singen, komponieren oder ein Instrument – genauer gesagt: Gitarre – spielen zu wollen“, schreibt der Journalist Ruy Castro in seinem Buch, das 1990 unter eben diesem Titel in Brasilien erschien: Chega de Saudade . Seit anderthalb Dekaden gilt das holzscheitdicke Werk unter Bossa-Fans als Bibel – wer des Portugiesischen nicht mächtig war, konnte über ihren Inhalt allerdings nur spekulieren.

Jetzt ist das Buch in seiner aktualisierten Ausgabe aus dem Jahr 2001 endlich auf Deutsch erschienen – mit ausführlicher Diskografie, seltenen Fotos und historischen Straßenkarten von Ipanema, der Copacabana und São Paulo. Warum das so lange dauerte, ist eine gute Frage, auf die es nicht einmal eine Antwort gibt.

Auf den fast 400 Seiten des Wälzers erfährt man definitiv alles über die Geschichte der Bossa Nova, die 1966 mit einer gemeinsamen Platte von Antônio Carlos Jobim und Frank Sinatra ihren Höhepunkt fand. – Das meint jedenfalls Ruy Castro, der während einer anderthalbjährigen Recherchereise so ziemlich jeden befragte, der mit den Anfängen der neuen Welle zu tun hatte.

Sein Werk ist reich an Fakten und Anekdoten. Man erfährt, wie kitschig die brasilianische Musikszene vor dem Durchbruch des João Gilbertos war; wie die akustische Gitarre, vormals als primitiv verkannt, unversehens zum Lieblingsinstrument einer Generation aufstieg; wie aus Cool Jazz, entschleunigter Samba und gewispertem Gesang etwas unerhört Neues erstand. Die Ein- und Ausfälle seiner Helden fügt der Autor zu einem sehr vergnüglichen Bild der Zeit zusammen.