Ich finde das erstaunlich. Ich bin 73 Jahre alt und habe in meinem Leben viele Patriotismen erlebt: den agressiven, kriegerischen Chauvinismus unter Hitler; das verwundete Nationalgefühl der Nachkriegsgeneration; den aufgeklärten, etwas blutleeren Verfassungspatriotismus der Intellektuellen. Und nun das: Ein schwarz-rot-goldener Flirt, eine heitere Deutschland-Romanze. Darf man angesichts dieser Vaterlandsliebe von Patriotismus sprechen? Nein. Aber selbst wenn man unter dem Eindruck der Weltmeisterschaft ein neues Nationalgefühl vermuten würde, wäre das überhaupt wünschenswert? Ja.

Als Kind musste ich erleben, wie die anderen Kinder mit mir, dem Judenkind, nicht mehr spielen durften. Ich sah in München die Synagogen brennen, rieche noch heute den Qualm, höre das Bersten der Schaufenster jüdischer Geschäfte. Ich musste zusehen, wie der Mob jüdische Bürger durch die Straßen hetzte. Niemals werde ich vergessen, wie die SS-Schergen, Deutsche, ihre jüdischen Landsleute ermordeten. Meine Freunde und meine Familie fielen dem Rassenwahn zum Opfer. Dieser Genozid wurde im Namen einer völkischen, menschenverachtenden Gesinnung verübt. Ein übersteigerter, despotischer Nationalismus stürzte die ganze Welt in einen verheerenden Krieg.

Trotzdem bleibe ich dabei: Deutschland braucht einen neuen Patriotismus. Denn nur wer sein Land liebt, kann sich für die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in ihm verantwortlich fühlen. Nur wer sein Land bejaht, sich mit seiner Nation und ihrer Geschichte identifiziert, wird sich einmischen. Diese Partizipation ist heute mehr denn je gefragt. Aktuell prägen Desinteresse und Teilnahmslosigkeit unsere Gesellschaft. Noch wird um die richtige Begrifflichkeit für dieses Phänomen gerungen. Ob nun Politik- oder Politikerverdrossenheit gesellschaftliches Handeln lähmen - Fakt ist, dass wir ein neues Bürgerethos brauchen. Erst bürgerschaftliches Engagement, Solidarität und Konsens erfüllen eine Demokratie mit Leben.

Solange aber die Deutschen ihre Nation nicht lieben, werden sich diese Grundwerte in der politisch-juristischen Abstraktion einer Verfassung erschöpfen. Sie können nie zu einem Identifikationspunkt auch für Migranten werden. Denn wie sollen diese Loyalität gegenüber einem Gemeinwesen entwickeln, von dem sich selbst die Deutschen distanzieren? Die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion fragen mich oft, warum die deutschen Bürger eigentlich ihr Land nicht lieben. Vermutlich liegt das an den Schuldzuweisungen, die gerade junge Menschen bei der Holocaust-Vermittlung erfahren haben. Ihnen muss verdeutlicht werden, dass sie keine Schuld an den Verbrechen ihrer Großväter haben. Stattdessen tragen sie aufgrund ihrer nationalen Geschichte Verantwortung für die Gegenwart. Man muss ihnen zeigen, dass es vieles gibt in diesem Land, worauf sie stolz sein dürfen. Vaterlandsliebe ist keine Exklusiv-Domäne der Rechtsextremisten. Doch auf dem Nährboden eines verletzten Nationalbewusstseins gedeiht ihre Ideologie besonders gut. Wenn wir es schaffen, den Patriotismusbegriff neu und positiv zu besetzen, können wir den Neonazis Raum entziehen.

Einen fundamentalen Wandel des deutschen Selbstverständnis hat die Weltmeisterschaft nicht gebracht. Die Klinsmann-Elf im Herzen zu tragen, ist aber ein guter Anfang.


Charlotte Knobloch hat den Holocaust als Kind im Versteck auf einem fränkischen Bauernhof überlebt. Sie wurde 1932 in München geboren. 1997 wurde sie Vizepräsidentin, 2006 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bei der feierlichen Grundsteinlegung für die neue Münchner Synagoge am 9. November 2003 erklärte sie, ein Teil von ihr sei seit den Pogromen von 1938 auf der Flucht. Jetzt aber werde sie ihren Koffer öffnen und damit beginnen, jedes einzelne Teil an seinen Platz zu räumen, den sie dafür die letzten 65 Jahre freigehalten habe.

Dieser Text ist Teil einer Essay-Serie im Deutschlandfunk:
"Drei Monate nach der WM: Gibt es einen neuen Patriotismus in Deutschland, und wodurch zeichnet er sich aus?"

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