"Edel-Bingo" ("posh bingo") nannte der englische Schriftsteller Julian Barnes einmal abschätzig die Booker-Preisverleihung, also ein glitzerndes Glücksspiel für Schriftsteller, Literaturkritiker und die live übertragenden Medien. Aus dieser Äußerung mag Frust sprechen, denn Barnes war zwar häufig nominiert, konnte aber nie gewinnen. Ganz falsch aber ist es nicht. Denn die stets wechselnde und im Geheimen tagende Jurorenriege des wichtigen Literaturpreises, der seit 1969 für den "besten Roman" des Jahres an eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller aus den Mitgliedsstaaten des britischen Commonwealth und Irland vergeben wird, zeichnete nach zähem, internen Ringen oft völlig unerwartet einen Außenseiter aus, der sich über umgerechnet 75.000 Euro und einen enormen Publizitätsschub freuen konnte.

So begründete der Preis zum Beispiel die Karrieren von Yann Martel ( Schiffbruch mit Tiger , 2002) und D.B.C. Pierre ( Vernon God Little , 2003). Und Dienstagnacht wird es wohl nicht anders sein, wenn nach üppigem Dinner in der mittelalterlichen Londoner "Guildhall" der Sieger verkündet wird. Eine andere der vielen ungeschriebenen Booker-Regeln hat sich nämlich bereits erfüllt. Sie lautet: Große Namen gehen schnell unter. Und als im September die sechs Autoren benannt wurden, die es in die Endauswahl geschafft hatten, waren die südafrikanische Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer und der Australier Peter Carey nicht mehr dabei.

Ob auch noch eine weitere Booker-Regel wahr wird? Es heißt, dass der Favorit nie gewinnt. Dann wären die Chancen der Waliserin Sarah Waters heute Abend gering; sie liegt bei den Buchmachern mit Abstand vorne. Die 1966 geborene und in Großbritannien geschätzte Autorin, wurde mit einer Trilogie historischer Romane bekannt, die im viktorianischen England spielen und oft homosexuelle Liaisons zum Thema haben. Mit The Night Watch ( Die Nachtwache ) hat sich Waters nun ins London des Zweiten Weltkriegs begeben und zeichnet die Lebenswege vier gewöhnlicher Menschen in den außergewöhnlichen Zeiten des Bombenkriegs nach.

Vertraut man der bisherigen Booker-Preis-Logik hat wohl Kiran Desai etwas mehr Chancen, deren Buch Erbin des verlorenen Landes (Originaltitel: The Inheritance of Loss ) in der Übersetzung von Robin Detje auch in Deutschland begeisterte Leser fand. Sieben Jahre brauchte die 1971 in Indien geborene und heute in den USA lebende Tochter der berühmten Schriftstellerin Antia Desai für ihr Werk, dessen Erzählung zwischen New York und der indischen Provinz hin- und herwechselt. Fragen von Auswanderung, Ausbeutung und Identität werden dabei behandelt. Von der Kritik wurde es nicht zuletzt für die Schönheit seiner Sprache gelobt.

Auch die Australierin Kate Grenville gilt als starke und erfahrene Anwärterin. Ihr Buch The Secret River liegt ebenfalls schon auf Deutsch vor ( Der verborgene Fluss , übersetzt von Anne Rademacher und Karina Of) und hat den diesjährigen "Commonwealth Writer Prize" gewonnen. Das Buch ist den Aborigines, den Ureinwohnern Australiens, gewidmet und beschreibt angeregt von Grenvilles eigener Familiengeschichte die "Landnahme" William Thornhills, eines Londoner Diebes, der im 19. Jahrhundert in die ursprüngliche Sträflingskolonie Australien deportiert wird. "Im Verhältnis mit den Aborigines gibt es noch so viel Unrecht, so viele offene Kapitel", sagte Grenville kürzlich im BBC-Interview, "es ist mein 'Sorry-Book', mein Trauerbuch."

Doch viel größere Chancen, den Booker-Preis zu gewinnen, haben nach der Logik vom Außenseiter-Sieger wohl die drei eher Unbekannten: der aus Libyen stammende, 1970 geborene Hisham Mater, der einzige Debütant unter den Nominierten, die 1968 geborene Autorin M.J. Hyland und der Engländer Edward St. Aubyn, geboren 1960.