Der Jubel von Kiran Desai, der diesjährigen Gewinnerin des Man Booker-Literaturpreises, fiel sympathisch bescheiden und ungeplant aus. Eine Ansprache hatte sie nicht vorbereitet, und auch keinen Sari angezogen, wie es ihre Mutter ihr geraten hatte. Die junge Autorin stellte ihre ebenfalls nominierten und nun leer ausgegangenen Schreiberkollegen heraus ("Nicht der beste Roman gewinnt, sondern der Kompromiss.") und dankte ihrer Mutter, der Schriftstellerin Anita Desai: "Ich schulde ihr so viel, dass es sich so anfühlt, als wäre es ebenso ihr Buch wie mein eigenes."

Es war fast zu viel des Guten – und stimmt auch nicht. Denn erstens, versicherte die Jury-Vorsitzende, die Literaturwissenschaftlerin und Biografin Hermione Lee, ist Erbin des verlorenen Landes (Originaltitel: The Inheritance of Loss ) kein "kleinster gemeinsamer Nenner", sondern ein in langer Diskussion gekürter, klarer Sieger – ein "herausragender Roman menschlicher Tiefe und Weisheit, komischer Zärtlichkeit und starker, politischer Intensität", wie es fast poetisch in der Begründung heißt.

Zweitens stellt der Roman, in Abgrenzung zu den Werken Anita Desais – die drei Mal für den Booker nominiert war, aber nie gewann – und Schriftstellern der anglo-indischen Tradition wie V.S. Naipaul oder Salman Rushdie einen Aufbruch zu neuen Ufern dar. Er ist, wenn man so will, ein erster post-post-kolonialer Roman, oder, wie es in manchen englischen Besprechungen hieß, "ein erster Globalisierungsroman": Ein Buch, das so in gar keine Kategorie passt.

Erbin des verlorenen Landes spielt Mitte der 1980er Jahre und handelt von dem in Cambridge ausgebildeten, pensionierten Richter Jemubhai Popatlal Patel, der am Fuß des Himalajas ein zurückgezogenes Leben lebt, aber dessen verbitterter, grimmiger Frieden alsbald gestört wird, sei es durch die Ankunft seiner verwaisten Enkelin, den Versuchen des Sohnes seines Kochs im fernen New York den Fängen der US-Einwanderungsbehörde zu entgehen oder einem lokalen Aufstand.

Desais Roman ist ein großes Werk und hat der 1971 geborenen Autorin, die mit 15 Jahren zuerst in England, dann in den USA ihre Ausbildung machte und seitdem überwiegend in New York lebt, viel abverlangt. Über sieben Jahre schrieb sie daran. "Das Schreiben erschüttert mich. Ich führte ein ziemlich seltsames Leben, es war eine eigenartige, schreckliche Zeit", sagte sie nach der Verleihung. "Am Ende hatte ich Furcht vor Leuten, Furcht vor dem Telefon. Ich war, wie man so sagt, kein schöner Anblick mehr, und auch ganz schön ärmer."