Wer als Deutscher in Großbritannien immer mal wieder Pein über die Zählebigkeit von Nazi-Stereotypen empfand, konnte sich mit dem Gedanken trösten, dass es den Nachbarn in Frankreich in dieser Hinsicht auch nicht besser ging. Genau genommen sogar schlechter: Die deutsch-britische Rivalität, die zuletzt vor allem in den Boulevardmedien überlebte, speist sich aus der Geschichte der letzten gut 100 Jahre, mit der Erfahrung zweier Weltkriege und den NS-Massenverbrechen als Fokuspunkt. Nach 60 Jahren sind die Imitation von "Hitler-Gruß" und Stechschritt weitgehend zu nicht mehr sonderlich tief empfundenen Folklore mutiert. Während der Fußball-Weltmeisterschaften gab es sogar atemberaubende Zeichen der Überwindung, wenngleich, wie stets, mit kleinen Schönheitsfehlern. "Holla! Bruderland", rief die Times euphorisch, aber orthografisch leicht verwirrt, in Richtung Berlin, und der Daily Telegraph konstatierte überrascht: "Der Krieg ist vorbei". Nach dem Ausscheiden der englischen Mannschaft solle man nun die Deutschen anfeuern, weshalb der Telegraph den gutgemeinten, wenngleich leicht verfehlten Rat gab, es sei höchste Zeit, den "Text von ‚Deutschland über alles‘ zu lernen." Dagegen sitzt der anti-französische Reflex viel tieferer und reicht mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurück. Die Schlacht von Azincourt im Hundertjährigen Krieg ist nicht zuletzt dank Shakespeare bis heute ein Begriff – und das war vor fast 600 Jahren, nämlich 1415. Wohl nur in England kann ein äußerst mittelmäßiger Autor wie Stephen Clarke ("A Year in the Merde", "Merde actually") aus Ressentiments Bestseller zimmern. Von der Jungfrau von Orleans über Napoleon bis Jacques Chirac: Nichts scheint vergeben oder vergessen. Der "Eurostar", der Schnellzug aus Paris, kommt bis heute im "Waterloo"-Bahnhof an. Das wirkt sich auch immer wieder politisch aus: Als der britische Premierminister Tony Blair im Frühjahr 2003 keine zweite UN-Resolution für den Sturz Saddam Hussein organisieren konnte (und US-Präsident George W. Bush nicht länger warten wollte), wurde dies schnell mit der völlig überzogenen Verteufelung der Franzosen übertüncht.Am Wochenende wagte die vor vier Jahren gegründete Londoner Debattiergesellschaft "intelligence squared" (IQ2) eine Annäherung in Form eines bi-nationalen, intellektuellen Festivals. Es fiel zusammen mit dem 50. Jahrestag des Ereignisses, an dem sich zuletzt britische und französische Wege trennten: der gemeinsam mit Israel ausgeheckte Überfall auf Ägypten im Herbst 1956. Mit dem "Suezkrieg" wollten Großbritannien und Frankreich die Verstaatlichung des Suezkanals gewaltsam rückgängig machen und den aufmüpfigen Machthaber Gamal Abdel Nasser in die Schranken weisen, aber die USA versagten die Unterstützung, und beide Staaten waren gezwungen, vor aller Augen ihre Weltmachtambitionen endgültig zu begraben. Grob gesagt konzentriert sich Paris seitdem auf die (west)europäische Einigung, und London auf die USA. Doch nun liegt die wiederum 50 Jahre davor geschlossene "herzliche Verbindung", die "Entente cordiale" von 1904, in der Luft, nicht zuletzt deshalb, weil der Ärger über Blairs enger, offenbar bedingungsloser Umarmung Washingtons immer weiter zunimmt. IQ2, geleitet unter anderem vom Chefredakteur der Wochenzeitschrift The Week Jeremy O’Grady, wollte ein Forum für Gespräche über den Kanal bieten. Das allein ist schon bemerkenswert, denn im Moment redet im politischen London niemand über die europäischen Nachbarn und schon gar nicht "Europa", allenfalls in der Vergangenheitsform. "In Bezug auf Europa sind wir Briten ziemlich schizophren", sagt O’Grady, "selbst unter den rabiatesten ‚Euroskeptikern‘ gibt es Leute mit großem Interesse für einzelne europäische Länder. Mit Frankreich haben wir dieses Liebe-Hass-Ding, aber nie die Gelegenheit, darüber zu reden." Doch so recht wurde es nichts mit dem intellektuellen "Love-In" zwischen "frogs" und "rosbifs", den Frosch- und Roastbeef-Fressern, und das, obwohl der schon recht "anglifizierte", französische Botschafter in London, Gérard Errera, eingangs mit gutem Beispiel voranging und mit Witz und wenig Diplomatie einige "Geheimnisse" der britisch-französischen Beziehungen verriet (beispielsweise: "‚Entente cordiale‘ wurde nie übersetzt, weder ins Englische noch ins Französische", und: "Ihr Briten seid Europäer.").Denn erstens scheinen die Briten schon alles über die Franzosen zu wissen, auch ohne sie gefragt zu haben. Fast eine halbe Million britischer "expatriates" (kurz: "expats") leben nach Schätzungen derzeit in Frankeich oder haben dort ein zweites Heim gekauft, was Frankreich nach Australien und den USA zum drittgrößten Auswanderungsland der Briten macht. Das hat in Großbritannien eine Art "Frankreich-Markt" kreiert, der – mit Ausnahme französischer Immobilienmakler – prima ohne Franzosen auszukommen scheint. So saßen beim "London:Paris"-Festival fast mehr britische Autoren von "Frankreich-Büchern" als Franzosen selbst auf dem Podium. Zweitens stehen, bei aller Unzufriedenheit mit Blairs Kurs, die Zeichen nicht auf einen großen, außenpolitischen Schwenk. Bei der großen Debatte des ersten Abends zum Thema, ob Großbritannien seine "besondere Beziehung" zu Washington nicht lieber mit einer zu Paris eintauschen sollte, prallten die Meinungen unüberbrückbar aufeinander. Während es Sprecher für eine "special relationship" zwischen Themse und Seine es mit Argumenten versuchten, kam von den Gegnern – allesamt Briten, darunter so unterschiedliche Charaktere wie die gestrenge außenpolitische Leitartiklerin der Times , Bronwen Maddox, und der an dem Abend äußerst berechenbare Berufsprovokateur, Christopher Hitchens, der sich nicht zu schade war, das mit französischen Akzent gesproche Englisch der Gäste nachzuäffen – nur altbekannte, unversöhnliche Polemik. Vergeblich bemühten sich die Fürsprecher wie Dominique Moïsi, stellvertretender Direktor des Französischen Instituts für Internationale Beziehungen: Mit dem Fall der Berliner Mauer habe sich die Welt verändert, die "Große Allianz" der Angelsachsen sei gegen Hitler und auch noch im Kalten Krieg sinnvoll gewesen, aber nicht mehr in einer globalisierten Welt. Die USA konzentriere sich auf den Asien, Europa – wo die Briten im Übrigen gewonnen hätten: das supranationale, integrierte Europa sei tot, es werde auf ein "Europa der Vaterländer" herauslaufen – müsse gemeinsam auftreten, um bei der "Hypermacht" in Washington überhaupt noch Gehör zu finden. Auch William Pfaff, seit 1978 "Amerikaner in Paris" und Bushkritischer Kommentator der International Herald Tribune , drang nicht durch mit seinem Appell an die Briten, den "nationalen Masochismus" zu beenden und stattdessen in Europa eine Führungsrolle zu übernehmen. Da war es wohl ein Zeichen der Zeit, dass schon vorher am Nachmittag eine Veranstaltung mit dem Zeithistoriker und Kommentator Timonthy Garton Ash abgesagt wurde: Das Thema? Die unbedingte Notwendigkeit eines "historischen", französisch-britischen Kompromisses. No chance! Pas de chance!