Nur einen Tag nach der Verabschiedung des Gesundheitskompromisses werden von den unterschiedlichsten Seiten Nachbesserungen verlangt. Der Präsident des Berliner Verfassungsgerichtshofes, Helge Sodan, äußerte sogar Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit der Reformpläne: "Ich bin der Überzeugung, dass zentrale Punkte nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind", sagte er der Thüringer Allgemeinen . Dazu zähle der Basistarif, den die privaten Krankenversicherungen anbieten müssen sowie die Beschränkung der beitragsfreien, teilweise steuerfinanzierten Versicherung auf die Kinder gesetzlich Versicherter.

Überwiegend auf Ablehnung stößt die Vereinbarung auch bei den Krankenkassen. Die Gesundheitsreform gehe an den Bedürfnissen der Versicherten vorbei, kritisiert etwa die Techniker Krankenkasse (TK). "Eine Strategie für eine bessere Versorgung der Versicherten und eine bessere Finanzierung des Gesundheitssystems ist nicht zu erkennen", sagte der TK- Vorstandsvorsitzende Norbert Klusen. "Man hat alles viel komplizierter gemacht als nötig. Es ging zum Schluss nur noch um die Rettung der großen Koalition, nicht mehr darum, eine gute Reform zu machen." Der von Union und SPD nach zähem Ringen ausgehandelte Kompromiss werde "die erste Gesundheitsreform seit den siebziger Jahren sein, die steigende Beiträge verursacht".

"Insgesamt vermisse ich wettbewerbliche Anreize", sagte Klusen. Der Gesundheitsfonds etwa sei ein "Element der Planwirtschaft". Der Fonds werde trotz der Verschiebung seines Starttermins auf den 1. Januar 2009 dazu führen, dass "eine zweistellige Millionenzahl von Versicherten höhere Beiträge in die Krankenkasse zahlen muss, ohne dass bei den restlichen Beitragszahlern eine signifikante Senkung ankommt".

Der Chef von Deutschlands zweitgrößter Krankenkasse DAK, Herbert Rebscher, sagte, er rechne fest mit Nachbesserungen. Er könne sich nicht vorstellen, dass der Kompromiss "das Parlament unverändert passieren wird".

Doch der Widerstand kommt auch aus den Koalitionsfraktionen selbst. In der SPD wird die Einigung vor allem von den Linken kritisiert. Die Abgeordnete Andrea Nahles sagte der Berliner Zeitung , das jetzige Ergebnis sei viel schlechter als die Eckpunkte vom Sommer. Die gesetzlich Versicherten müssten sich auf Beitragserhöhungen einstellen, hinzu komme für viele noch ein Zusatzbeitrag. Dagegen könne die private Krankenversicherung "eine Flasche Sekt aufmachen", sagte Nahles. Auf die Frage, ob sie der Reform im Bundestag zustimmen werde, antwortete sie der Zeitung zufolge: "Das kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen."

Auch in der Union gärt es. Mit den jetzt getroffenen Vereinbarungen werde die Diskussion um die Zukunft des Gesundheitswesens nicht beendet sein, sagte der saarländische Ministerpräsident Peter Müller dem Deutschlandfunk. Dass trotz der Reform mit einer Erhöhung der Kassenbeiträge zu rechnen ist, sei mehr als ein Schönheitsfehler.