Immerhin, es gibt sie. Die Zeitungen, die versuchen, Fairness walten zu lassen und auch das Positive an der am frühen Donnerstagmorgen beschlossenen Gesundheitsreform zu sehen. Betont kontrapunktisch zu den meisten anderen Blättern gibt sich zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung . "Nicht nur Murks" ist dort der Leitartikel überschrieben. Vier positive Punkte kann der Kommentator der Reform abgewinnen. "Erstens: Alle Bürger sollen künftig wieder einer Krankenversicherung angehören [...]. Zweitens: Die Kassenärzte müssen ihre Leistungen nicht mehr nach einem komplizierten, undurchschaubaren Punktesystem abrechnen – stattdessen dürfen sie ihre Arbeit wieder in Euro und Cent abrechnen. Drittens: Die Macht der Funktionäre wird beschnitten [...]. Viertens: Die Privaten Krankenkassen, die bislang nur vorgaben, dass sie für echten Wettbewerb im Gesundheitswesen sorgen, müssen sich diesem Wettbewerb nun tatsächlich stellen."

Ähnliche Verbesserungen erkennen auch der Trierische Volksfreund und die Mitteldeutsche Zeitung . Doch was die Regierung bedenklich stimmen sollte: Selbst diese Zeitungen kommen in der Gesamtschau zu einem negativen Ergebnis. "Am Ende ihrer Bemühungen aber wird kein Jahrhundertwerk stehen, auch keine große Reform, sondern allenfalls ein Reförmchen", lautet das Fazit der Süddeutschen Zeitung .

Die anderen Blätter finden weit drastischere Worte. "Ein monströses Geschöpf" sei die Reform, meint etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung . Die Welt spricht von einer "Placebo-Reform", die die Finanzprobleme des Gesundheitssystems weiter verschärfe, die Financial Times Deutschland nennt den Kompromiss eine "politische Nulllösung" und die Berliner Zeitung befindet, die Zusammenarbeit der beiden Volksparteien habe sich für Deutschland als "blankes Desaster" erwiesen.

Nicht immer fällt die Analyse dabei sehr korrekt aus. Die Bild -Zeitung etwa bemüht ein Gleichnis, um dem Leser zu demonstrieren, warum die Reform den Kostenzuwachs im Gesundheitssystem nicht senken, sondern geradezu steigern werde. "Stellen Sie sich zwei Miethäuser vor. In einem gibt es Zähler für Strom, Wasser und Heizung in jeder Wohnung, im anderen entscheiden sich die Mieter, ohne Zähler die Kosten auf alle Wohnungen gleichmäßig zu verteilen. Man braucht nicht lange nachzudenken, um zu erkennen, in welchem Haus mehr verbraucht wird. Und so werden die Kosten auch davon laufen, wenn alle Beiträge in einen Topf zur Verteilung an alle geworfen werden." Dem lässt sich allerdings die Macht des Faktischen entgegensetzen. Denn schließlich sind die Kosten im Gesundheitssystem bisher auch ohne den vielgehassten Fonds stets gestiegen.

Unfair ist es auch, den Kompromiss an den Maximalforderungen nur einer Seite zu messen. "Warum muss das System der Krankenkassen so bleiben? Warum bleibt es bei einem Zweiklassen-System bei den Kassen", ruft etwa der Berliner Kurier anklagend? Na ja, vielleicht weil die Union nie die Absicht hatte, die Privatkassen abzuschaffen. Dass eine Große Koalition nicht einseitig die Forderungen von nur einer Seite umsetzen kann, sollte bei aller Kritik klar sein.

Einem anderen häufig vorgebrachten Einwand kann dagegen kaum widersprochen werden. Die Reform, wird kritisiert, habe eben keineswegs die Wirkungsmächtigkeit der Großen Koalition belegt, sondern stattdessen deren eingeschränkte Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Die Akteure hätten nicht versucht, jenseits aller ideologischen Scheuklappen einen möglichst effektiven dritten Weg zu finden, sondernstatt dessen – wie Die Welt schreibt – ihre Energie darein gesetzt, "die Ideen des Koalitionspartners bis zur Unkenntlichkeit aufzuweichen".