Der nächtliche Verhandlungsmarathon im Kanzleramt in Sachen Gesundheitsreform hatte bei Angela Merkel kaum Spuren hinterlassen. Im Luftwaffen-Airbus Richtung Ankara schlenderte eine entspannte Kanzlern durch die Reihen der Mitreisenden. "Ich bin zufrieden", wiegelte sie skeptische Fragen zum Gesundheitskompromiss ab. Mit den Gedanken war Merkel bereits voll bei der neuen Herausforderung: Den heiklen Gespräche mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.Der Empfang mit militärischen Ehren in Ankara bei strahlendem Sonnenschein ließ die Anspannung des AuKompromissgenblicks nur bei der ersten Begrüßung mit Handschlag erkennen. Nach den ersten Schritten auf dem roten Teppich und Merkels Gruß an die Soldaten-Formation auf Türkisch war die Atmosphäre freundlich-geschäftsmäßig. Erdogan, so das Zwei-Tage-Protokoll, sollte Merkel nicht mehr von der Seite weichen.Die Kanzlerin hatte bereits vor Antritt der Reise Klartext reden lassen. Es werde keinen "Beitragsrabatt" in Sachen Anerkennung Zyperns geben, die von der Türkei nach wie vor verweigert wird, signalisierte sie noch in Berlin. Ein Zusammenprall bei den EU-Türkei-Beitrittsverhandlungen könne nur vermieden werden, wenn Ankara "deutliche Signale" zur Umsetzung der Vereinbarungen aussendet.Wie diese "Signale" aussehen könnten, darüber sprachen Merkel und Erdogan vertraulich. Neue Vermittlungsvorschläge der finnischen EU- Ratspräsidentschaft für einen Stufenplan zur Lösung der Zypernfrage könnten ein Weg sein, hieß es diplomatisch auf beiden Seiten. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Die EU hat sich mit der Überprüfung der seit einem Jahr laufenden Beitrittsgespräche mit der Türkei auf Ende des Jahres festgelegt.So "kompromisslos" wie Merkel für die EU-Forderung nach einer faktischen Anerkennung Zyperns durch die Türkei eintritt, so unnachgiebig zeigte sich Erdogan in dieser Frage. Er nannte es schlichtweg "ungerecht", dass die Türkei bis Ende des Jahres See- und Flughäfen für Waren aus dem griechischen Teil Zyperns öffnen sollen, ohne dass die wirtschaftliche Isolation des türkisch regierten Nordens aufgehoben wird, wie einst von der EU versprochen.Gern erinnert Ankara daran, dass eine Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Mittelmeerinsel vor zwei Jahren an den griechischen Zyprern und nicht an den Türken gescheitert ist - und findet damit kaum noch Gehör. So ist dieser Antrittsbesuch in Ankara und Istanbul für Merkel eine Gratwanderung. Erdogan weiß, dass Merkel nichts von einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei hält. Die Kanzlerin wiederum will die Türkei auf jeden Fall im Lager der westlichen Verbündeten halten.Den Finger in einen anderen wunden Punkt des EU-Bewerbers Türkei legt die Kanzlerin, wenn sie sich an diesem Freitag - in Begleitung Erdogans - die Sorgen der religiösen Führer der christlichen Minderheiten anhört. In Punkto Meinungs- und Religionsfreiheit hagelt es schon seit längerem massive Kritik aus der EU, auf die die Türkei zunehmend bockig und mit nationalen Reflexen reagiert. Ein Jahr vor den Parlamentswahlen, die ganz im Vorzeichen eines gewachsenen Nationalismus stehen, hat die Bereitschaft Erdogans und seiner Partei, die nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften rechtlich besser zu stellen, deutlich nachgelassen.