Istanbul
Angela Merkel und die Türkei – das waren bis Anfang dieser Woche zwei Welten, die nicht zusammenpassen wollten. Oft genug hatte Merkel als CDU-Chefin die Türken wissen lassen, dass sie nicht für die Mitgliedschaft in der EU, sondern nur für eine "privilegierte Partnerschaft" taugten. Die Türkei war für die CDU und ihre Chefin bis voriges Jahr ein Land, über das man nicht viel wusste und über das man deshalb umso beherzter herziehen konnte - immer in der Hoffnung, dem Wahlvolk könnte es gefallen.

Doch Vorsicht vor Vorurteilen. Der Bundeskanzlerin hat es bei ihrem Besuch in der Türkei am Donnerstag und Freitag dieser Woche besser gefallen, als mancher Merkel-Kenner vermuten würde. Es sieht alles danach aus, als gäbe es zwei Gesichter der Merkelschen Türkei-Politik: das der CDU-Chefin mit Wirkung bis 2005, und das der Bundeskanzlerin von heute. Was ist in der Türkei passiert?

Der türkische Premier hat die Bundeskanzlerin – nicht ungeschickt – zu eben jenem Ereignis eingeladen, auf dem er im vergangenen Jahr seinen Freund Gerhard Schröder unter Ovationen verabschiedet hat: zum Fastenbrechen. Zufällig ist wieder Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, so saß Angela Merkel pünktlich zum Sonnenuntergang neben Tayyip Erdogan an einer reich gedeckten Tafel, um das Fasten für diesen Tag zu brechen. An den Wänden hingen Plakate mit jugendlich hellen Gesichtern von Merkel und Erdogan, dazwischen türkische und die deutsche Flagge, und wie könnte sie fehlen, die europäische.

Europa ist denn auch eines der heiklen Themen gewesen. Die Türkei soll nach dem Willen der EU das Ankara-Protokoll in Kraft setzen, nach dem die Türkei mit allen Ländern der EU offene Handelsbeziehungen unterhält. Die Türkei weigert sich jedoch, griechisch-zyprische Schiffe in ihre Häfen zu lassen, so lange Zypern versprochene EU-Hilfen für das türkische Nordzypern blockiert. Die Europäer wiederum pochen auf die Zusage der Türkei, das Protokoll umzusetzen. Es ist also Streit im Anzug, den manche Gegner der Türkei in der EU nutzen wollen, um die Beitrittsverhandlungen zu stoppen. Merkels Besuch fand einen Monat vor der Veröffentlichung des EU-Fortschrittsberichts statt, in dem die Umsetzung der Beitrittsauflagen in der Türkei streng geprüft wird. Zypern gehört nicht zu den Kriterien, wohl aber zu den Gesten guten Willens.

Die Bundeskanzlerin ließ keinen Zweifel daran, dass die Türkei das Protokoll umsetzen müsse. Aber sie begriff sehr wohl, in welcher aufgeheizten Stimmung vor dem Wahljahr 2007 Premier Erdogan taktieren muss. Die Nationalisten warten nur darauf, dass er bei Zypern "einknickt". Deshalb lobteten Erdogan und Merkel allerlei Kompromissvorschläge aus, unter anderem einen der finnischen EU-Ratspräsidentschaft. Der sieht dem Vernehmen nach vor, den türkischen Zyprern einen offenen Freihafen und einen Flughafen unter internationaler Aufsicht zuzugestehen, wofür im Gegenzug türkische Häfen und Flughäfen für die griechischen Zyprer geöffnet würden. Dieser Kompromiss braucht wohl mehr Zeit als das Ultimatum bis Ende Dezember, das die EU der Türkei gesetzt hat. Aber wenn sich eine Lösung abzeichnet, würde es wohl kaum zum Abbruch der Beitrittsverhandlungen kommen. Das Fastenbrechen übrigens hielt Merkel nach dem Essen für "eine sehr schöne Tradition".