Herbstalltag statt Sommermärchen

Über die Stadionleinwand flimmerten noch einmal die Bilder des WM-Sommers, aus den Lautsprechern dröhnte 54, 74, 90, 2006 von den Sportfreunden Stiller und auf den Rängen wurden unzählige Deutschlandfahnen geschwenkt. Die fröhliche WM-Stimmung noch ein bisschen am Leben erhalten, das wollten am Samstagabend im Rostocker Ostseestadion alle: die 28.000 Zuschauer, die Nationalspieler und Bundestrainer Joachim Löw.

Und es gab einige Momente, in denen das sogar gelang. Zum Beispiel beim Führungstreffer: Als Bastian Schweinsteiger in der 24. Minute nach Vorlage von Michael Ballack aus 25 Metern abzog und den Ball im georgischen Tor versenkte, wurden Erinnerungen an das WM-Spiel um Platz drei wach. Die Zuschauer feierten ihren "Schweini" begeistert – es war fast wie im Kino.

Ein Lob für seine gute Leistung bekam Schweinsteiger nach dem Spiel auch von Bundestrainer Löw: "Er gehört sicher zu den Führungsspielern, die besondere Verantwortung übernehmen." Dass Schweinsteiger neben Ballack zum Führungsspieler aufstieg, hing allerdings auch damit zusammen, dass viele Routiniers in Rostock fehlten. Löw zeigte sich auch insofern als würdiger Klinsmann-Nachfolger, als er mit Clemens Fritz, Piotr Trochowski, Jan Schlaudraff und Alexander Madlung vier Debütanten zum Einsatz brachte. Viele junge Spieler, die das Durchschnittsalter der Mannschaft auf knapp 24 Jahre senkten.  

Zu Beginn der ersten Halbzeit sah es allerdings zunächst nicht so aus, als ob sich die Jugendförderung auszahle. Den besseren Start erwischten die Georgier, die der ehemalige Bundesligacoach Klaus Toppmöller trainiert. Die neu formierte deutsche Abwehr, in der außer Arne Friedrich keiner bei der WM dabei war, zeigte sich in der ersten Halbzeit sehr nervös. Stellungsfehler und unnötige Ballverluste bescherten den Georgiern immer wieder gute Chancen. Bereits in der dritten Minute setzte Stürmer Martsvaladze den Ball nur knapp ans Außennetz. In der 13. Minute wäre Torwart Timo Hildebrand geschlagen gewesen, aber der Schuss von Tskhitishwili prallte von der Latte ab.

Auf deutscher Seite sorgte neben Schweinsteiger immer wieder Spanien-Legionär David Odonkor mit Flanken für Gefahr vor dem georgischen Tor. Stürmer Mike Hanke bemühte sich neben dem gesetzten Podolski zwar redlich, blieb aber oft glücklos.

Die Mannschaft mit den vielen Wilis ließ sich aber auch von dem deutschen Führungstreffer nicht entmutigen und attackierte weiter. In der 45. Minute zappelte der Ball nach einem Freistoß der Georgier hinter Hildebrandt im Netz, aber der Schiedsrichter entschied auf Abseits.

Herbstalltag statt Sommermärchen

Die zweite Halbzeit begann hektisch. Nach einer Provokation trat Lukas Podolski in der 48. Minute gegen den Georgier Khizanischwili nach und bekam die rote Karte. Dabei hat Podolski sogar noch Glück. Die obligatorische Sperre gilt nicht für die EM-Qualifikation. Er kann also beim Qualifikations-Spiel am nächsten Mittwoch gegen die Slowakei dabei sein. Erst beim nächsten Freundschaftsspiel muss der Stürmer seine Strafe absitzen. Trotzdem passte Podolskis Aussetzer dem Bundestrainer gar nicht. "Das darf nicht passieren. Darüber werden wir intern reden müssen", sagte Löw.

Für die deutsche Mannschaft wirkte Podolskis Platzverweis aber wie ein Weckruf. Mit zehn Mann spielten die Deutschen plötzlich viel sicherer, auch weil Michael Ballack sofort das Kommando übernahm. Nach Zuspiel von Schweinsteiger sorgte der Kapitän in der 67. Minute mit einem Linksschuss auch für die Entscheidung. Nach dem 2:0 nutzten dann beide Trainer die Gelegenheit zu mehrfachen Wechseln.

Dass die deutsche Abwehr an diesem Abend alles andere als sattelfest war, zeigte sich noch einmal in der 71. Minute. Nach einer Flanke platzierte der Georgier Demetradze den Ball im deutschen Tor. Seinen Torjubel unterband aber der Unparteiische. Sehr zum Ärger der Gäste entschied der Schiri erneut auf Abseits.

Wie es sich bei einem Freundschaftsspiel gehört, gaben sich am Ende des Abends alle versöhnlich. Gäste-Coach Toppmöller bedankte sich höflich für das Spiel und sagte, man habe viel gelernt. Bundestrainer Löw sagte, dass es bei so vielen Debütanten und Umstellungen selbstverständlich Unsicherheiten in der Abwehr gebe. Dennoch hat Löw weiterhin eine makellose Bilanz vorzuweisen. 4 Siege und 19:0 Tore hat die Nationalmannschaft unter seiner Regie eingefahren. Auch deshalb zog der Bundestrainer ein insgesamt positives Fazit des Abends, selbst wenn das Spiel mehr von Herbstalltag als von einem Sommermärchen hatte.

Und auch die Zuschauer in Rostock waren mit dem Spiel zufrieden. Sie hatten zwar keinen rauschenden Fußball-Abend erlebt, aber sie hatten etwas gesehen, was man sonst zurzeit nur im Kino zu sehen bekommt: die Fußballnationalmannschaft in Aktion.