Den Sinn für gezielte Provokationen kann man Kim Jong Il nicht absprechen. Am Tag, an dem der UN-Sicherheitsrat Südkoreas Außenminister Ban Ki Moon zum neuen Generalsekretär der Vereinten Nationen nominieren dürfte; am Tag, an dem Japans neuer Premier Shinzo Abe zum Antrittsbesuch nach Seoul reisen wollte – just an diesem Tag ließ Nordkoreas Diktator einen atomaren Sprengsatz zünden. Und seither ist die Welt ein gefährlicherer Ort.

Nirgendwo stoßen die Interessen von gleich vier Weltmächten –USA, Russland, China und Japan – so unmittelbar aufeinander wie auf der koreanischen Halbinsel. Deshalb haben sie auch seit nunmehr einem Jahrzehnt gemeinsam mit Süd- und Nordkorea in den von Peking organisierten Sechs-Länder-Gesprächen über ein Ende des militärischen Atomprogramms Nordkoreas verhandelt. Mit dem heutigen Atomtest düpiert das Regime in Pjöngjang vor allem China. Es offenbart, wie gering der Einfluss Pekings auf Nordkorea tatsächlich ist.

Auf diesen Einfluss hatten aber die Amerikaner und Japaner gebaut. Die Notwendigkeit guter Beziehungen zu China wurde immer wieder mit dem Problem Nordkorea begründet. Nun ist die Verlegenheit groß. Von „ernsten Konsequenzen“ ist die Rede. Aber wie könnten die aussehen?

Eine militärische Option gibt es nicht. Nordkorea hat eine Million Soldaten unter Waffen. Seine Artillerie reicht bis in Südkoreas Metropole Seoul; ein Angriff auf die Atomanlagen des Nordens brächte die Einwohner der Hauptstadt in akute Gefahr. Eine Seeblockade, die in amerikanischen Militärkreisen immer wieder erwogen wurde, würde von Nordkorea ebenfalls als kriegerischer Akt empfunden. Die Lage könnte schnell eskalieren.

Bleiben Wirtschaftssanktionen. Sie aber würden ein Land treffen, dessen Bevölkerung seit Jahren im Elend lebt. Hunderttausende sind Hungers gestorben, als Folge von Dürre und Überschwemmungen, vor allem aber als Folge einer entsetzlichen Misswirtschaft. Dem Feudalregime Kim Jong-Ils war es vollkommen gleichgültig, dass seine Untertanen in manchen harten Winter Gras und Baumrinde essen mussten, um zu überleben.

Die Welt hat sich der Nordkoreaner erbarmt und großzügig geholfen. Das hat das Regime nicht daran gehindert, unliebsame Helfer aus dem Land zu schmeißen. Heute sind China und Südkorea die wichtigsten Lieferanten von Lebensmitteln und Energie. Wenn sie jetzt als Reaktion auf den Atomtest ihre Lieferungen einstellen, gehen die Nordkoreaner einem Winter voll schrecklicher Entbehrungen entgegen. Mit Hunger und Kälte werden sie für Kim Jong Ils atomaren Größenwahn bezahlen.