Von Nordkorea nach Bayern gibt es eine Abkürzung. Sie führt quer durch die Erdkugel und wurde an diesem Montag von einer seismischen Welle genutzt. Um 3:35 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit startete sie in Nordkorea, elf Minuten und 35,5 Sekunden später löste sie an einem Erdbebensender im bayrischen Wald ein Signal aus.

Wer heute eine unterirdische Sprengung zündet, tut dies nicht mehr unbemerkt. Die Welt hört mit, dank eines weltumspannenden Sensornetzes für Schallwellen in der Erdkruste, in der Atmosphäre und im Wasser. Seit zehn Jahren bauen Wissenschaftler und Ingenieure für die Uno dieses Netz aus 321 Sensoren auf, um Atomwaffentests aufzuspüren.

Das Messgerät für Erdbebenwellen auf dem Sulzberg im bayrischen Wald ist eine dieser Stationen. Sie liefert ihre Daten an die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover (BGR) und an die Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization (CTBTO) in Wien. Dort berechnen Seismologen, ob die Signale nun von einem Erdbeben stammen, von einem Atomwaffentest oder von einer Detonation mit konventionellem Sprengstoff.

Ein Teil der Analyse ist automatisiert und wird von Computern vorgenommen. Je nachdem, in welcher Region die Software eine Erschütterung lokalisiert, werden die Seismologen benachrichtigt. In der Nacht auf Montag verschickten die Computer der BGR automatische Kurznachrichten auf die Handys der Forscher. Für Nordkorea gilt die höchste Warnstufe.

Nicolai Gestermann von der BGR analysierte mit seinen Kollegen die Daten von 15 Messstationen, darunter auch der deutsche Präzisionssensor auf dem Sulzberg. Ergebnis: Ein Ereignis der Magnitude 4.0 in Punggye-yok in der Provinz Nord Hamgyong. Genau in diesem Gebiet waren Atomwaffentests der Nordkoreaner aufgrund von Satellitenbildern und anderen Quellen auch erwartet worden. „Wir können den Ort auf fünf bis zehn Kilometer genau berechnen“, sagt Gestermann. „Bei dem Ereignis muss es sich um eine Sprengung handeln, weil das kein Erdbebengebiet ist.“ Nordkorea ist für die Wissenschaftler eine Herausforderung, weil es in der Region nur wenige gute Sensoren gibt, die nächstgelegenen offiziellen CTBTO-Sensoren für seismische Wellen stehen in Russland, Südkorea und Japan. Aus den Daten der Südkoreaner berechnete der amerikanische U.S. Geological Survey (USGS) eine Magnitude von 4.2.