Dass sich das unter Merkels Vorgänger Gerhard Schröder fast stürmische Verhältnis zur ehemaligen Supermacht abgekühlt hat, war am Dienstag bei der Begegnung der Kanzlerin mit dem russischen Präsidenten in Dresden vor allem an den Zwischentönen zu spüren. Zwar betonten sie, an der "strategischen Partnerschaft" zwischen beiden Ländern festhalten zu wollen, und Putin, Herr über gewaltige Rohstoff- und Energievorkommen, lockte kräftig damit, Deutschland zum bevorzugten russischen Wirtschaftspartner in Europa zu machen. Doch Merkel ließ keinen Zweifel daran, dass es mit ihr keine Fortsetzung des kumpelhaften schröderschen Umgangs mit dem Kreml-Herrscher geben wird. Sie nannte ihre Beziehung zu Putin bezeichnenderweise gut, "weil man auch offen über unterschiedliche Meinungen sprechen kann". Das sei ein großer Fortschritt gegenüber früheren Zeiten im deutsch-russischen Verhältnis - ein deutlicher Hinweis in Richtung ihres Vorgängers. Die Möglichkeit, Kritik aussprechen und austragen zu können, sei auch beim Thema Energie-Partnerschaft nützlich.

Deutlich sprach Merkel vor dem Hintergrund des Mordes an der russischen Journalistin und Putin-Kritikerin Anna Politkowskaja das Thema Menschen- und Freiheitsrechte an. "Wir werden zeigen, dass man vor der Demokratie keine Angst haben muss", sagte sie an ihren Gast gewandt. Dem blieb da nur, sich beeindruckt zu zeigen: Ihm imponiere die Fähigkeit Merkels zuzuhören - "das macht sie sofort sympathisch". Aufrechte Sympathie hört sich anders an.

Die deutschen Zeitungskommentatoren weinen jedoch der Männerfreundschaft zwischen Putin und Schröder keine Träne nach. So lobt die Süddeutsche Zeitung , Merkel habe sich "ein Verdienst erworben, weil sie die Beziehungen zu Moskau wieder in die Balance gebracht hat. Damit existiert nun eine neue Basis für die deutsch-russischen Beziehungen. Die Frage, in welche Richtung sie sich entwickeln werden, ist jedoch noch offen." Nach Ansicht der Welt ist Merkels Botschaft richtig, "die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder weiter auszubauen, aber gleichzeitig auch auf eine Stärkung der Zivilgesellschaft in Russland zu setzen". Gerade weil die Deutschen dort sehr angesehen seien, werde sich das langfristig auszahlen.

Die FAZ lobt ebenfalls, dass bei Putins Besuch nicht "hochfliegende Pläne" für eine engere Zusammenarbeit der EU und Russlands im Zentrum gestanden haben, sondern Pressefreiheit und die Vergehen russischer Sicherheitskräfte im Nordkaukasus. Die Berliner Zeitung hingegen bedauert, dass sich Merkel in Dresden zum Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja zurückhaltend geäußert habe. Dabei gelte: "Wenn man will, dass sich Deutschland und Russland näher kommen und immer enger kooperieren, muss man sich Sorgen machen dürfen um das politische Klima in Putins Heimat. Auch wenn richtig ist, dass die ökonomischen Interessen und Bindungen den Kern des deutsch-russischen Verhältnisses ausmachen, ist die Frage nach dem Zustand des Rechtes und nach der Achtung der Menschenrechte in Russland nicht zweitrangig."

Die Neue Osnabrücker Zeitung schreibt: "Putin bleibt in Sachen Demokratie und Menschenrechte ein höchst unsicherer Kantonist." Die Sächsische Zeitung sieht es etwas positiver. Es sei gut, dass die Bundesregierung Putin "auf seinem Weg unterstützt" und auf Annäherung durch Handel setze. Es sei auch gut, dass Kanzlerin Merkel "nach anfänglichem Zögern den Weg ihres Vorgängers alles in allem fortsetzt" - aber "ohne die schwer erträglichen Kumpeleien, die die Herren Kohl und Jelzin sowie Schröder und Putin zum Markenzeichen erhoben. Neue deutsche Töne, die jetzt eine stimmige Melodie ergeben."