Die Höllenfahrt ist brutal: Im Frühjahr noch sonnte sich die Große Koalition im Ansehen der Bürger, die von ihr nach dem qualvollen Ende von Rot-Grün die Lösung der großen Probleme erwartete. Die Hoffnungen waren groß, wohl viel zu groß. Die Enttäuschung, die sich jetzt in katastrophalen Umfragewerten vor allem für die Kanzlerinnenpartei manifestiert, fällt umso größer aus. Die Bürger fragen, was Schwarz-Rot im ersten Jahr geleistet hat. Und sie ziehen eine vernichtende Zwischenbilanz: Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, die viele als weitere Zumutung betrachten; eine bevorstehende drastische Anhebung der Mehrwertsteuer und eine weitere Erhöhung der Krankenkassenbeiträge; ein Dauerstreit um die Gesundheitsreform mit einem niemanden zufrieden stellenden vorläufigen Ergebnis statt des versprochenen großen Wurfs; und eine Föderalismusreform, die nicht verhindert, dass sich die Länder-Ministerpräsidenten frech wie eh und je in die Bundespolitik einmischen. Und dafür, so räsoniert der Souverän, soll sich eine vorzeitige Bundestagswahl und ein (halber) Regierungswechsel gelohnt haben?

Die Antwort ist von schonungsloser Eindeutigkeit: Nur ein Jahr nach ihrem hoffnungsbegleiteten Beginn steht die Große Koalition in den Augen der Wähler schlechter da als die rot-grüne Koalition an ihrem Ende nach sieben Jahren. Nur noch 19 Prozent der Befragten sind mit der Arbeit von Schwarz-Rot zufrieden, vier Fünftel wenden sich grollend ab. Man wagt gar nicht daran zu denken, wo das noch enden soll.

Dass der Unmut im Moment die SPD schont und in erster Linie die Union mit voller Härte trifft, hat einen doppelten Grund: Zum einen wirken CDU und CSU nicht nur zerstritten und orientierungslos, sie sind es auch. Die Bürger spüren sehr deutlich, dass hier nicht verschiedene Flügel um den richtigen Weg ringen, sondern dass die mächtigen Ministerpräsidenten mit der ungeliebten Kanzlerin um die Macht in dem siechenden Haufen streiten.

Merkel sind dabei zweifach die Hände gebunden: Zum einen kann sie als Regierungschefin in einem Bündnis zweier fast gleich starker Parteien ihre Richtlinienkompetenz nicht ausspielen; ihre jüngste Drohung mit einem "Machtwort" im Gesundheitsstreit verpuffte deshalb wirkungslos. Ohnehin liegt ihr die Rolle einer Basta-Kanzlerin nicht, sie ist vom Naturell her eher eine - durchaus machtbewusste - Moderatorin.

Zum anderen hat Merkel ihre Position in der CDU bis heute nicht gefestigt. Zur Vorsitzenden wurde sie im Jahr 2000 eher aus Zufall, weil sich von den nachdrängenden Männern nach der Spendenaffäre keiner traute, seinen Hut in den Ring zu werfen. Sie nutzte die Gunst der Stunde, konnte die Partei aber nur einmal richtig führen und begeistern, als sie sie in Leipzig für kurze Zeit auf einen marktradikalen Reformkurs einschwor. Gerade dieses Abenteuer und der darauf folgende Absturz bei der Wahl 2005 wird ihr heute in der Partei angelastet: Die CDU steht ohne klaren Kurs da, niemand weiß mehr, wohin sie eigentlich will. Und das reale Regierungshandeln steht erst recht im Kontrast zu allem, was Merkel vor der Wahl versprochen hat.

Das Ergebnis könnte nicht schlimmer sein: Nicht nur liegt die Union im neuen Deutschlandtrend der ARD erstmals seit vier Jahren hinter der SPD. Die Umfragewerte sind so niedrig wie noch nie, so wie die CDU ja auch schon bei den jüngsten Landtagswahlen auf historische Tiefststände fiel. Die Mächtigen in der Partei werden sich das nicht mehr lange anschauen. Immer erkennbarer opponieren Stoiber, Rüttgers, Oettinger und Co. nicht nur gegen die Reformpläne der Bundesregierung, sondern zielen direkt auf die Frau an der Spitze. Der Parteitag im November könnte für Merkel zum Scherbengericht werden. Zur echten Gefahr für sie wird die demoskopische Talfahrt allerdings erst, wenn einer aufsteht und den Brutus macht. Der aber, auf den sich die Blick am meisten richten, der Hesse Roland Koch, hält sich bislang auffallend zurück.