Diese Frage hatten wir unseren Lesern gestellt. Hier die Antworten:

Der Gewinnertext:

Hinterm Schneegeflock

Aus dem verspäteten ICE ergossen sich Reisende auf den Bahnsteig, eine zähe Masse, die sich ihren Weg zur Haupthalle bahnte und aus der sich zuerst widerwillig, dann immer schneller und fröhlicher, wie erhitzte Wasserstoffatome, Individuen zu lösten und auf wartende Verwandte oder Freunde zugingen, sie küssten, umarmten, förmlich Hände schüttelten oder einfach nur unverbindlich-freundlich lächelnd nickten. Ein junger Mann in einem für diese Jahreszeit gänzlich unzureichenden Blazer wartete ungeduldig am Ende des Bahnsteigs, seine Gitarristenfinger spielten mit den Dornen einer müden Rose, ab und zu hob er den Blick um die Flugbahn eines abgebrochenen Stachels zu verfolgen. Plötzlich stürmte ein Wirbelwind aus cremefarbener H&M-Strickmode auf ihn zu, ließ eine Tasche mit Che Guevara Buttons fallen und das junge Pärchen fiel jauchzend über einander her. Schaudernd schlug ich den Kragen meiner Jacke hoch, mir war plötzlich so kalt. Mit einem schalen Geschmack im Mund beobachtete ich all diese Menschen, die so glücklich waren, einander wiederzusehen.
Ich hasste sie alle.
Wütend packte ich meinen Trolley, versetzte ihm einen Tritt und zerrte ihn unhörbar fluchend hinter mir her, den Blick auf den Boden gesenkt. Ich wollte niemanden sehen und von niemandem gesehen werden. Seltsam, dachte ich, dass man sich noch immer zumindest ein klein wenig unsichtbar fühlt, wenn man niemanden sieht.

Ich war allein im Abteil, als der Zug den Bahnhof verließ. Still, nur unterbrochen von einem gelegentlichen Rattern der Räder beim Überqueren einer Weiche, glitt die dunkel-erleuchtete Silhoutte der Münchner Bahnhofsgegend an mir vorüber.
So geht es also zu Ende, dachte ich mit einem Kloß im Hals. Gerne hätte ich geweint, es hätte der Sache etwas Theatralisches verliehen und ihr somit dieses unerträgliche Gefühl von Realität genommen, aber leider kann ich nur weinen, wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, deshalb disponierten meine Tränen um und kletterten statt an meinen Wangen an meiner Kehle herab und waren der Grund dafür, dass ein bitteres Lachen, das mir unwillkürlich entfuhr, wie ein verzweifeltes Schluchzen klang.
Es hatte etwas Skurriles, dass ich die Stadt verließ, wo sie doch mein Zuhause gewesen und Michael derjenige gewesen war, dessen Name nachträglich am Briefkasten angebracht werden musste.
In diesem Moment öffnete sich die Abteiltür, kalte Luft strömte herein und vor dem Hintergrund des gleißenden Lichts alter Neonröhren offenbarten sich mir zwei betrunkene Engländer aus Birmingham wie das Negativ zweier Verkündigungsengel.

Sie riefen "Oi, mate!", stopften ihre Taschen auf die Gepäckablage, schoben ihre ausgetretenen schnürsenkellosen Turnschuhe unter die Sitze, kramten Plastiktüten und Bierflaschen hervor, um sich unter viel Gejohle mehrere crisp sandwiches zu bereiten, die sie genüsslich, die Sitze vollkrümelnd, verzehrten. Nach einem kräftigen Schluck Erdinger stellte sich einer der beiden, der mit der Sonnenbrille, breitbeinig auf zwei gegenüberliegende Sitze und verkündete mit sich überschlagender Stimme "I feel like getting naked", woraufhin er sich langsam aus seiner Jeans zu schälen begann.
Mit "excuse me, would you" drängte ich mich an ihm vorbei und machte mich auf die Suche nach dem Speisewagen. Ich brauchte meine tägliche Ration Cola Light. Oder wenigstens einen Kaffee.

Der Speisewagen lag im Halbdunkel, hinter der Glasscheibe löste der Verkäufer Kreuzworträtsel. Ich bestellte einen Kaffee und setzte mich mit dem Rücken zu ihm und der Wand zu meiner Linken an einen Tisch. Die Scheibe neben meinem Gesicht war angenehm kühl, die Luft im Speisewagen schmeckte beruhigend neutral und abgestanden. Als der Zug ratternd mehrere Weichen überquerte, flackerten die gedimmten Leuchten unruhig und der Kreuzworträtseler rief fragend, ob er das Licht anmachen sollte. Ich verneinte dankend.
Der Kaffee war wie er sein sollte, er roch gut und schmeckte schlecht. Ich habe eine ungewöhnliche Beziehung zu Kaffee: ich trinke ihn nur äußerst ungern, am liebsten würde ich ihn nur riechen. Mein Vater trank jedes Mal Unmengen von Kaffee, wenn wir in den Urlaub fuhren und seitdem verbinde ich mit dem Duft nach heißem Kaffee in der Nacht Wärme und Geborgenheit.