Warten auf Dunga

Es kommt nicht häufig vor, dass man einen brasilianischen Nationalspieler beim Pinkeln trifft. So etwas passiert ganz einfach nicht. Umso überraschter ist man, wenn plötzlich Edmilson vom FC Barcelona neben einem am Pissoir steht, freundlich grüßt und fragt, ob "alles klar" sei. "Alles klar", fällt die Antwort knapp aus. Es ist einer dieser Momente, in denen sich zeigt, dass auch galaktische Superhelden menschlich sind.

Draußen vor dem Fünfsternehotel sitzen Edmilsons brasilianische Kollegen abfahrbereit im Mannschaftsbus wie Schulkinder vor einer Klassenfahrt. Im Winter stürzen sich hinter dem Hotel dürre Männer mit Helmen auf Skiern waghalsig den Berg hinunter. Wie eine Straße, die im Himmel endet, erhebt sich dort die Skisprungschanze des Holmenkollen. Bei guter Sicht kann man aus der Hotellobby die Schiffe sehen, die durch den Oslo-Fjord in den Hafen der Stadt einlaufen.

Morgen wird das brasilianische Nationalteam zum ersten Spiel nach dem verkorksten Viertelfinal-Aus der WM im Ulleval-Stadion auflaufen. Die mit einer Kapazität von 25.000 Zuschauern größte Fußballarena Norwegens ist seit Monaten ausverkauft. Es wird ein besonderes Spiel werden, nicht nur weil die Skandinavier die letzten beiden Vergleiche mit den Südamerikanern gewinnen konnten.

Es wird auch das erste Spiel des neuen Trainers sein, der in Brasilien umstritten ist: Carlos Caetano Bledorn Verri, kurz Dunga, zuvor noch nirgendwo Trainer, 1994 Kapitän der Weltmeisterelf und Mitte der 90er zwei Jahre Profi beim VfB Stuttgart. "Nun hat er mehr Verantwortung als der Staatspräsident", sagt Rodrigo Paiva. Paiva ist Pressesprecher der Seleção, Ende 30 und braun gebrannt. Drei Wochen zuvor hatte er mir ein Interview mit Dunga telefonisch zugesichert. "Kommen Sie nach Oslo, dort wird es klappen." Über 5000 Menschen haben acht Euro Eintritt bezahlt, um den Ballzauberern bei einem müden Trainingskick zuzusehen. Ronaldinho, Kaká, Roberto Carlos, Zé Roberto und Ronaldo sind nicht mit nach Norwegen gereist.

Doch auch wenn Robinho oder Lucio in die Menge winken, kreischen Hunderte. Mädchen und Frauen schreien hysterisch etwas von "Liebe" und "Kindern". Bei jedem Torschuss geht ein Raunen durch das Stadion.

Für 18.30 Uhr ist eine Pressekonferenz im Bauch der Arena angesetzt. Dunga wird da sein, heißt es. 60 Journalisten warten. Eine Gelegenheit, um mit Pressesprecher Paiva auf Tuchfühlung zu gehen und vorsichtig nach dem versprochenen Interview zu fragen. Dunga kommt. Blitzlichter. Er trägt Trainingsanzug.

Seine Haare hat er perfekt gedrillt. Einzelne Stacheln stehen derart akkurat nach oben, dass man sie zählen könnte. TV-Kameras surren. Dunga setzt sich auf das Podium, richtet seine Augen ins Nirgendwo und wartet auf Fragen. Er spricht von "starken Norwegern" und seiner "neuen Herausforderung als Nationalcoach". Nach fünf Minuten bedankt er sich und geht. Ich sichte den Pressechef.

Obwohl der sich nicht an unser Telefonat erinnern kann, macht er mir Mut, dass Dunga heute im Anschluss an das Abendessen bereit wäre zu reden. "Kommen Sie ins Hotel." In den Sesseln im Foyer sitzen brasilianische Journalisten an ihren Laptops, schreiben Texte, schneiden ihre TV- und Radiobeiträge. Immer wieder fällt der Name Dunga. Immer wieder taucht er auf den Bildschirmen auf. Immer wieder sagt er dieselben Sätze über das morgige Spiel gegen "die starken Norweger" und seine "neue Herausforderung" als Trainer.

Dunga esse jetzt, heißt es. Im Anschluss habe er eine Besprechung mit Ricardo Teixeira, dem brasilianischen Fußballpräsidenten. Ich solle mich noch etwas gedulden. Die Chancen stünden aber gut, dass das Interview noch am Abend stattfinden könne.

Zwei Stunden später taucht Dunga auf. Wie ein König steht er auf der Empore des Foyers, hat seine Hände auf das Geländer gestützt und beobachtet die Journalisten. Jetzt wird es gleich losgehen, denke ich, und begebe mich in Startposition. Doch im nächsten Moment ist Dunga schon wieder verschwunden.

Eineinhalb Stunden später bin ich in einem der Sessel mit Karomuster eingenickt. Ich wache auf, als mich jemand am Ärmel zieht. Vor mir steht ein dicker Mann. Er trägt Shorts und ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Free Albert".

"Du bist der Deutsche, der auf Dunga wartet!" Er hüpft von einem Bein auf das andere, wie ein Schulmädchen, das einen Abzählreim singt. "Ja. Und wer bist du?" – "Ich bin Albert." – "Und auf wen wartest du, Albert?" – "Ich bin Fan der Seleção und werde morgen auf das Spielfeld laufen! Das ist mein Hobby." Er grinst, als wäre er bei der Pointe eines raffiniert aufgebauten Witzes angekommen. Und er erzählt, wie er vor zwei Jahren im Endspiel der EM in Lissabon auf den Platz lief und ins Tornetz sprang. Für morgen wolle er sich etwas ganz Besonderes ausdenken. Ich sage ihm, dass die Norweger sich über einen Wikingerhelm freuen würden. Albert jauchzt, hält das für eine gute Idee. Wir reden noch etwas über Fußball und sein Hobby, dann wünschen wir uns Glück – ich ihm für seine morgige Aktion, er mir für das Warten auf Dunga.

Es ist nach Mitternacht, als Rodrigo Paiva an der Rezeption auftaucht. Ich gehe zu ihm.

Warten auf Dunga

Doch das Gesicht des Pressesprechers verrät nichts Gutes. Dunga sei auf sein Zimmer gegangen und habe die Tür abgeschlossen. Für heute könne er nichts mehr machen. "Kommen Sie morgen wieder." Gegen zehn Uhr nach dem Frühstück werde es klappen.

Um zwölf Uhr am nächsten Tag noch immer keine Spur von Dunga. Doch ich habe mit Falcão sprechen können, dem großen Falcão, der in den 80er Jahren an der Seite von Zico und Socrates den schönsten Fußball der Welt spielte. Heute arbeitet der 52-Jährige als Cokommentator für das brasilianische Fernsehen und will wissen, warum Marcelinho nicht in Berlin geblieben ist, ob Hamburg schön ist und ob Tinga sich in Dortmund wohl fühlen wird. Eine halbe Stunde geht das so. Ich bin froh, mit Falcão zu reden.

Als ich mich wieder in meinen Sessel setzen will, sitzt dort ein älterer Herr und schläft. Falcão klärt mich auf, dass das José Ramiz Wright sei. Der brasilianische Schiedsrichter, der 1990 das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und England pfiff. Etwas später sitze ich neben dem einstigen Weltschiedsrichter und frage ihn nach seinen Erinnerungen an das Spiel. "Rudi Woller", sagt er, "ich erinnere mich an seinen Schnauzbart." Er lacht und zwinkert mir zu. Wir reden über die WM in Deutschland, technische Hilfsmittel für Schiedsrichter und Dunga.

Gegen 18 Uhr fährt die Mannschaft zum Stadion. Dunga wolle noch immer mit mir reden, müsse sich nun aber auf das Spiel konzentrieren.

Das Spiel ist langweilig. Die Norweger spielen hart, die Brasilianer schlecht.

In der 33. Spielminute kommt Albert auf den Platz gelaufen. Er trägt einen Wikingerhelm und rennt bis zum Mittelkreis, ehe er unter dem Gejohle der Masse von drei Sicherheitsleuten aus dem Stadion getragen wird. Er hat seine Mission erfüllt, denke ich und überlege, was sie jetzt wohl mit ihm anstellen werden.

Nach 90 Minuten heißt es 1:1. Alle sind zufrieden.

Dunga steht unten in den Katakomben, dort wo sich die Spieler im Vorbeigehen mit den Journalisten treffen. "Ich bin stolz auf mein Team", sagt er, "Norwegen war ein starker Gegner." Seine Stimme klingt rau und müde.

Die meisten Spieler sitzen schon wieder hinter getönten Busfenstern, warten auf die Rückfahrt ins Hotel. Robinho und Cicinho feixen auf der hintersten Bank. Sie trommeln mit den Fäusten gegen die Scheibe und winken der Journalistin, die neben mir steht. Sie deuten auf ihre Mobiltelefone. Sie versteht, schreibt ihre Nummer auf ein Stück Papier und drückt es an die Scheibe. Die beiden Profis von Real Madrid jubeln wie kleine Kinder.

Kurz darauf klingelt das Handy der Frau.

"Morgen Vormittag", hatte mir Paiva noch zugerufen, bevor sich die Tür schnurrend zuzog und der Bus davonrauschte, "morgen im Hotel. Dunga wird Zeit für Sie haben." Ab neun sitze ich wieder in der Lobby. Lange passiert nichts. Dann lässt Dunga sich entschuldigen.

Nur kurz noch unter die Dusche, dann komme er, lässt er ausrichten. Ich warte, 45, 90, 120 Minuten, habe mittlerweile drei Kaffee zu je acht Euro getrunken und frage mich, was ich da überhaupt mache. Nach vier Stunden kommt Dunga. Er trägt ein blaues Hemd und eine schwarze Hose. Er begrüßt mich wie einen gegnerischen Kapitän im Mittelkreis, ein fester Händedruck, ein bestimmender Blick. Dunga ist da. Wir setzen uns in die Sessel an den Tisch, wo ich zwei Tage zuvor eingeschlafen war. "Wir müssen zum Flughafen. Zehn Minuten", befiehlt Paiva.

Warten auf Dunga

Senhor Dunga, ich möchte mit Ihnen übers Deutsch-Sein sprechen. Carlos Dunga: Okay.

Wie wirken Deutsche auf Sie? Die Deutschen sind sehr willensstark, konzentrieren sich hundertprozentig auf das, was sie erreichen wollen, und geben nie auf.

Dann sind auch Sie ein Deutscher? Nun, ich habe in Deutschland gearbeitet. Die deutsche Mentalität gefällt mir, dieses Zielgerichtete. Meine Einstellung auf dem Platz kommt der deutschen schon sehr nahe, deshalb bin ich aber noch lange kein Deutscher.

Glauben Sie, dass der deutsche Fußball den brasilianischen beeinflusst hat? Ich glaube, dass der europäische Einfluss auf den brasilianischen Fußball nicht zu übersehen ist. Die meisten Nationalspieler verdienen ihr Geld in Europa, wo professioneller gearbeitet wird – auch in der Bundesliga, wo Lucio, Juan oder Gilberto spielen.

Alles Defensivspieler. Der deutsche Einfluss auf die Defensive ist sehr deutlich. Wir haben den Vorteil, viele Einflüsse zu haben – aus Spanien, Italien, Frankreich, England und Brasilien. Die Mischung ist der Stil der Seleção.

Werden Sie ergebnisorientierter spielen? Wenn es ein Tabu ist, nicht schön zu spielen, aber zu gewinnen, dann brechen wir es. Ich will gewinnen – egal wie das aussieht.

Was können Sie von Klinsmann lernen? Vieles. Zum Beispiel, dass auch wir unsere Gegner vorher besser beobachten müssen. Das haben die Deutschen vor der WM gut gemacht. Ich werde mich sicher noch mit Klinsmann unterhalten und über seine Erfahrungen sprechen. Er hatte genauso wenige Vorkenntnisse als Trainer wie ich jetzt.

Paiva tippt auf seine Armbanduhr. Die zehn Minuten sind um. "Letzte Frage, bitte!"

Ihr erster Gedanke an Deutschland? Guido Buchwald. Er half mir, mich zurechtzufinden. Er zeigte mir, was es in Deutschland heißt, ein Gentleman zu sein.

Dunga steht auf, hebt den Daumen: "Alles klar?" – "Alles klar", sage ich und hebe den Daumen, "vielen Dank für Ihre Zeit." Das Gespräch, das nie richtig in Gang kommen konnte, ist zu Ende. Weg ist er. Ich schalte das Diktiergerät aus. Es zeigt 7:54 Minuten.

Ich bleibe noch etwas sitzen, beobachte die Menschen im Foyer. Da ist Falcão, der seinen Flieger verpasst hat. Da sind die Journalisten, die an ihren Laptops arbeiten. Auch Albert ist da, der für seinen gestrigen Auftritt einige tausend Euro Strafe zahlen muss. Und auch beim nächsten Spiel der Seleção werden sie alle wieder da sein. Ich fühle mich erleichtert, nicht mehr länger auf Dunga warten zu müssen. Ich verlasse das Hotel und warte auf das Taxi. Die Frau an der Rezeption hat mir versichert, dass es in zehn Minuten da wäre.

Der Autor ist Redakteur beim Fußballmagazin RUND "