Die Mitarbeiter in den Werken der 16 europäischen Airbus-Standorte müssen sich immer schneller an neue Namen  gewöhnen jedenfalls, wenn es um ihren Chef geht. Während Noel Forgeard noch sieben Jahre den Kurs bestimmt hatte, hielt es Gustav Humbert lediglich 13 Monate auf dem Chefsessel aus. Christian Streiff folgte ihm im Juli, für wenig mehr als drei Monate. Die Krise um das Großraumflugzeug A380 gilt als Auslöser für seinen Abgang. Was folgt, ist undeutlich. Doch zumindest den Namen von Streiffs Nachfolger kennen die rund 54.000 Beschäftigten. Louis Gallois, bislang  Co-Chef des Mutterkonzerns EADS, soll Airbus zwischenzeitlich leiten. Bekommt er in den Griff, woran seine drei Vorgänger scheiterten?

Airbus ist weit davon entfernt, ein Privatunternehmen zu sein. Frankreich ist über eine Staatsholding mit mehr als 20 Prozent an dem Konzern beteiligt, Spanien mit fünf Prozent. Daimler-Chryslers Anteil von noch rund 22 Prozent sorgt dafür, dass auch deutsche Interessen berücksichtigt werden. Standortentscheidungen hängen nicht wie bei anderen Unternehmen von Kosten und Erlösen, sondern vom politischen Willen ab. Nur so ist zu erklären, warum fast alle der 16 Airbus-Standorte ihren Teil zum Prestigeflieger A380 liefern. Verblendet von den Bildern des 73 Metern langen Fliegers, wollte jeder Betrieb seinen Teil am Bau des größten Flugzeugs aller Zeiten haben. Diese Dezentralisierung soll schuldig sein an der Lieferverzögerung. Der Engpass im Mehrnationenspiel ist der hochkomplexe Kabeleinbau. Weil sich die Fehler häuften, müssen sich die Kunden nun noch ein Jahr länger gedulden als ohnehin schon, bis ihre Bestellungen erfüllt werden. Die Verzögerung schmälert bis 2010 den Gewinn von EADS um 4,8 Milliarden Euro.

Noch unter Christian Streiff hatte sich EADS daher auf das Sparprogramm Power 08 verständigt. Jedes Jahr sollen die Kosten um 2 Milliarden Euro sinken und die Produktivität um insgesamt 20 Prozent erhöht werden. Details des Plans hatte Streiff aber nicht genannt. Die Arbeitnehmer wollen mitziehen beim Sparkurs; jedoch nur, solange es nicht um Arbeitsplätze geht. "Die Kollegen haben rund um die Uhr gearbeitet", sagt Rüdiger Lütjen, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. Versagt habe das Management. Die Stimmung im Unternehmen sei ausgesprochen gereizt. Weil sich die Arbeiter in den Werkhallen nicht schuldig fühlen für die Turbulenzen, sei der Erhalt der Arbeitsplätze Grundvoraussetzung für Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Management. Besonders wütend ist Lütjen auf die Führungsebene unter Streiffs Vorgängern. Die letzte Aufsichtsratssitzung bei Airbus habe im März stattgefunden, als Forgeard noch EADS-Chef war. Was der Betriebsrat als Indiz dafür nimmt, dass der Dialogwille unter Forgeard und Humbert gering gewesen ist. Die Amtszeit von Streiff war zu kurz, als dass man sich ein Urteil hätte bilden können.

Die Führungskrise macht zusehends auch die Arbeiter in den einzelnen Werken nervös. "Natürlich sind die Leute verunsichert. In der Kantine spricht jeder darüber", sagt ein Betriebsrat. Es sei schon sehr erstaunlich, dass Streiff nach so kurzer Zeit hinschmeiße. Für den 18. Oktober ist nun ein Zusammentreffen der europäischen Betriebsräte geplant. In Toulouse wollen sich die Arbeitnehmervertreter einschwören auf einen einheitlichen Kurs. "Zwischen uns passt kein Blatt", sagt Lütjens Stellvertreter Thomas Busch, bezogen auf die deutschen Angestellten. So entschlossen haben sich die Arbeitnehmer selten gezeigt. Da Power 08 aber angeblich jeden vierten Beschäftigten zur Debatte stellt, drohen heftige Arbeitskämpfe. Der Chefposten bei Airbus könnte somit auch für Louis Gallois zu einem Schleudersitz werden.

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