Beluga im Burgunder

Der Freund aus Italien schaute ungläubig auf die Flasche. Australischer Wein? Das ist doch alles gepanscht, davon kriegt man nur Kopfschmerzen, warnte er. "Weißt du, was die da reinmischen? Schwefel und Fischreste!" Tief beunruhigt über diese Geschmacksverirrung schickte er dem Autor fortan regelmäßig einige Flaschen italienischen Weins, damit dieser ja nicht wieder auf solch dumme Gedanken komme.

Ein paar Jahre später in einem Weinladen in Melbourne dann die Bestätigung: Ob Pinot Noir oder Chardonnay, ob Tetrapak oder 200-Dollar-Edeltropfen, auf allen Flaschen steht der Hinweis: "Enthält Sulfite, Fisch- und Eierprodukte." Ekelhaft. Kein Wunder, dass australischer Wein in der Alten Welt einen schlechten Ruf hat. Doch Ben Clifton, der Chefwinzer von Amulet Vineyard im südaustralischen Victoria, muss angesichts dieser Naivität grinsen: "Das ist bei euch in Europa nicht anders. Der einzige Unterschied ist, dass ihr es nicht auf die Flaschen schreibt – noch nicht."

Tatsächlich will die EU im kommenden Jahr umfassende Etikettenhinweise einführen. Das wäre eine Revolution. Denn bisher gab es auf Weinflaschen keine Angaben über die Zutaten. Was nicht alle Weintrinker wissen: Der gute Tropfen besteht nicht nur aus Traubensaft. Seit Generationen verwenden europäische Winzer technische Schönungsmittel, die aus Tierprodukten bestehen. Das bestätigt Ursula Fradera, Nahrungsmittelexpertin der Deutschen Weinakademie in Mainz. So wird die aus Fisch bestehende Hausenblase, das Milchprodukt Kasein und das aus Hühnereiern gewonnene Albumin zum Klären des Weines benutzt. Die Schwimmblase des Hausen oder des Beluga, einer Stör-Art, löst trübende Stoffe aus dem Wein und setzt sich am Boden ab. Auch geschwefelt wird der Most fast immer, mit Ausnahme von Biowein. Die Sulfite schützen den Wein vor Oxidation und Bakterienbefall.

Sind die Vorurteile gegen vermeintlich gepanschte Weinen aus Übersee somit unbegründet? Winzer in Europa und in jüngeren Weinanbau-Ländern wie USA, Chile, Südafrika oder Australien arbeiten zwar mit unterschiedlichen Methoden der Weinherstellung. "Die Klärungstechniken sind aber überall die gleichen", sagt Fradera. Die verwendeten Produkte beeinträchtigen weder den Geschmack des Weines noch die Gesundheit der Konsumenten – mit Ausnahme der Allergiker. In den USA und Australien müssen die Weintrinker vor allergieauslösenden Stoffen gewarnt werden, so wollen es die Gesetze. Auch Kanada will den Etikettenhinweis einführen. Bis heute konnte zwar kein Krankheits- oder gar Todesfall nachgewiesen werden. Die Rechte der angelsächsischen Verbraucher sind aber weitreichend, nicht selten führen ihre Klagen zu Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe. Das fürchten auch die Weinhersteller. "Eine Klage wegen eines Allergieausbruchs, und du bist ruiniert", sagt Ben Clifton, der sich in seinem kleinen Drei-Mann-Betrieb auf die italienischen Trauben Sangiovese und Nebbiolo spezialisiert hat.

Seit November vergangenen Jahres müssen nun auch alle in der EU vertriebenen Weine die Warnung "Enthält Sulfite" auf dem Etikett tragen. Das verlangt die "Richtlinie 2003/89/EG zur Kennzeichnung von Allergenen". Ursprünglich sollte die Aufschrift auch Fisch-, Milch- und Eiprodukte erwähnen. Doch die europäischen Weinbauerverbände liefen gegen diese Maßnahme in Brüssel Sturm. Die Deutsche Weinakademie, so Ursula Fradera, fürchtet Umsatzeinbußen durch "unappetitliche Etikette". Die betroffenen Winzer warnen vor Panikmache. "Die Verbraucher werden grundlos verunsichert, denn es bleibt ja nichts im Wein übrig", sagt Achim Blau vom Deutschen Weinbauverband in Bonn. Anders als Sulfite werden Klärungsstoffe wie die Hausenblase und Albumin wieder aus dem Wein entfernt. "Spurlos", behauptet Blau.

Beluga im Burgunder

Die EU-Lebensmittelbehörde und die Winzerverbände einigten sich auf eine Übergangsregelung: Bis zur geplanten Einführung der Etiketten im November 2007 soll eine Studie der Universität Hamburg herausfinden, ob die kaum messbaren Restmengen der verwendeten Produkte tatsächlich gefährlich für Allergiker sind. Ist dies nicht der Fall, bleiben die Etiketten so wie sie sind. Die ersten Ergebnisse bestätigen, dass die Wahrscheinlichkeit eines allergischen Ausbruchs sehr gering ist. Tests mit den Weinen Riesling, Weißburgunder und Dornfelder hätten belegt, dass dass Blut von Fisch- und Ei-Allergikern keinerlei Reaktionen zeigte. Die Weine waren zuvor mit unterschiedlich dosierten Schönungsmitteln behandelt worden. Die Ergebnisse der Studie sollen in wenigen Wochen der Brüsseler Behörde vorgelegt werden.

Der Deutsche Weinbauverband nimmt an, dass die ungeliebten Etiketten nicht kommen werden. Doch was ist, wenn sich die EU trotz der Studie für einen Warnhinweis entscheidet? Achim Blau nimmt es gelassen: "Auch die Sulfit-Bezeichnung hatte bei uns zu Bauchschmerzen geführt, aber der Konsum ist letztlich nicht eingebrochen." Die europäischen Weintrinker werden wohl auch das schlucken.

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