Wenn die bislang noch staatliche Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) in der kommenden Woche ihre Anteilsscheine am Kapitalmarkt platziert, wird der Erlös voraussichtlich zwischen 19 und 22 Milliarden Dollar erreichen und damit den bisherigen Weltrekord des japanischen Handykonzerns NTT DoCoMo knacken. NTT DoCoMo hatte im Zuge seines Börsengangs vor acht Jahren etwas mehr als 18 Milliarden Dollar kassiert. Ein weiteres Novum: Als erste Aktie Chinas wird das Papier der ICBC an der Hongkonger und Shanghaier Börse zugleich notieren.

In der vergangenen Woche begann die Zeichnungsfrist für institutionelle Anleger, also vor allem für Banken und Investmentgesellschaften. Innerhalb des ersten Tages orderten die professionellen Anleger laut Zeitungsberichten drei bis vier Mal so viele Aktien wie eigentlich verfügbar. Seit Montag dürfen nun auch private Kleinanleger die Papiere bestellen. In Hongkong bildeten sich vor vielen Banken lange Schlangen kein unbekanntes Bild, denn einen ähnlichen Ansturm auf die Schalter gab es schon beim Börsengang der Bank of China (BoC), einer weiteren großen chinesischen Bank, vor wenigen Monaten.

Aktienspekulationen haben in Hongkong Tradition, und mit ihr erklärt sich auch die Kauflust der Kleinanleger. Institutionelle Investoren hingegen möchten vor allem am chinesischen Boom teilhaben. Zu ihnen gehören der deutsche Versicherer Allianz, die Investmentbank Goldman Sachs, die Bank of America, Singapurs staatliche Investitionsbehörde GIC, die Investment Authority aus Qatar und Kuwait sowie zwei Unternehmen von Hongkongs reichstem Geschäftsmann Li Ka-Shing. Ob auch die Fundamentaldaten des Bankensektors und der ICBC den Ansturm auf die Papiere rechtfertigen, bleibt abzuwarten. Immer noch sitzen die chinesischen Geldhäuser auf vielen faulen Krediten , und BoC und ICBC wurden erst durch Subventionen der Regierung fit für den Börsengang.

Dennoch habe bislang jeder gewonnen, der sich am Börsengang einer chinesischen Staatsbank beteiligt, sagte ein Branchenbeobachter. Beispiel Allianz: Verglichen mit anderen institutionellen Investoren beteiligt sie sich nur mit einem geringen Betrag an der ICBC. Dennoch wird ihr alleine der Börsengang einen Buchgewinn von mehr als einer Milliarde Dollar bescheren.

Satte Gewinne werden auch die Konsortialbanken Credit Suisse und Deutsche Bank einfahren. Medienberichten zufolge stehen ihnen und den Koordinatoren des Börsengangs, der Investmentbank Merrill Lynch und zwei chinesischen Finanzinstituten, für ihre Dienste insgesamt bis zu 350 Millionen Dollar an Gebühren zu. So viel wurde laut Presse noch nie beim Börsengang eines chinesischen Unternehmens an Investmentbanken gezahlt.

Ursprünglich sollte die ICBC-Aktie am 27. Oktober zu 2,56 bis 3,07 Hongkong-Dollar in den Hongkonger Handel gehen, für Shanghai war die gleiche Preisspanne in Renminbi vorgesehen. Durch den Andrang der Investoren sind inzwischen jedoch Spekulationen über eine Preiserhöhung wach geworden. Sollten sie sich bewahrheiten, würde der neue Weltrekord der Börsengänge noch höher ausfallen.

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