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ZEIT online: Muhammad Yunus hat den Friedensnobelpreis für seine Idee der Mikrokredite für die Armen bekommen. Warum nicht den Wirtschaftsnobelpreis?
Johannes JÜTTING: Der Friedensnobelpreis ist viel weiter gefasst, und die Mikrokredite von Muhammad Yunus sind eine Innovation, die über ökonomische Zusammenhänge weit hinausgeht.

Warum sind Mikrokredite so wichtig für die Entwicklungspolitik?
Man kann sagen, dass der Mikrokredit eine der größten Erfolgsstorys in der Entwicklungsförderung der letzten 30 Jahre ist. Muhammad Yunus hat 1976 angefangen, und wenn man sich die verschiedenen Aufs und Abs der Entwicklungskooperation in den vergangenen Jahrzehnten anschaut, ist seine Idee eine der wenigen, die ein durchschlagender Erfolg war. Dem Problem der Armut zu begegnen, ist sehr schwierig. Die Armen sind in einer Armutsfalle und kommen nicht aus ihr heraus. Durch Yunus’ Idee aber bekommen insbesondere Frauen Zugang zu Krediten. Inzwischen sind es sogar 33 Millionen Menschen, die über Mikrokredite verfügen.

In welchen Ländern?
Die ursprüngliche Grameen-Bank - in Bangladesch gegründet - gibt es heute in vier weiteren südasiatischen Ländern, unter anderem auch in Indien und Pakistan. In Bangladesh sind es heute 6,5 Millionen Kreditnehmer - 97 Prozent davon sind Frauen.

Warum ist der Frauenanteil so hoch?
Das "political empowerment" von Frauen geht weit über den finanziellen Aspekt hinaus. Frauen sind zuverlässiger, wenn es darum geht, die Kredite zurückzuzahlen. Sie sind häufig für die Arbeiten verantwortlich, die mit den Krediten finanziert werden. Beispielsweise kaufen sie sich mit dem Geld eine Kuh, um Milch zu produzieren, und finanzieren mit ihren Einnahmen den Schulbesuch und Gesundheitsmaßnahmen für ihre Kinder. Frauen zahlen die Kredite in Eile zurück, damit ihre Familie nicht unter den Folgen eines Verzugs zu leiden hat. Empirische Studien belegen, dass Männer weniger zurückzahlen als Frauen. Sie benutzen das Geld für andere Sachen, konsumptive Zwecke, beispielsweise Alkohol.

Was ist die Kernidee, die im Mikrokredit steckt?
Das Neue am Mikrokredit besteht darin, dass er ein Marktversagen überwindet. Die Gruppen, die von Mikrokrediten profitieren, haben keine Alternative. Die Dorfbank gibt ihnen keine Kredite, denn sie verlangt Rücklagen oder Sicherheiten – und diese haben die Armen nicht. Deshalb erhält im System der Grameen-Bank häufig das Dorf einen Kredit, den dann alle gleichmäßig zurückzahlen müssen. Klappt das nicht, bekommt das Dorf weniger Kredit. Es gibt also eine soziale Kontrolle.
Der zentrale Punkt ist aber, dass die Leute unternehmerisch denken. Inzwischen werden auch Versicherungen angeboten, vor allem im Gesundheitswesen. Nicht zuletzt sollen ja auch die Familien gegen Krankheit versichert werden. Die Grameen-Bank hat eigene Krankenhäuser, die Behandlung wird mit den Krediten verrechnet, damit die Leute durch die Kosten nicht wieder in die Armut zurückfallen. Soziale und ökonomische Aspekte werden hier sehr erfolgreich vereint.

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Wirkt der Mikrokredit in allen Schichten?
Das Mikrofinanzsystem kann nicht alles lösen. Aber es ist ein erster Schritt, um wirtschaftliche Aktivität überhaupt in Gang zu bringen. Dennoch: Die Ärmsten der Armen werden von den Krediten nicht erreicht.

Wer sind diese Ärmsten der Armen?
Jemand, der verstoßen wurde, ohne familiäre Bindung. Beispielsweise eine Frau, die geschieden ist, oder jemand, der behindert ist. Auch Witwen, Slumbewohner. Es ist sehr schwer, an diese Personen Mikrokredite zu vergeben. Deshalb begann das Projekt auf dem Land, wo Sozialkapital vorhanden ist: Vertrauen, einer für alle. Das findet man nicht unbedingt in den Städten. Der Gegensatz von Stadt und Land spielt hier eine große Rolle.

Die Zinsen der Grameen-Bank betragen 25 Prozent pro Monat. Warum sind sie so hoch?
Bei uns würde man in der Tat von einem horrenden Wucherzins sprechen. Das kann man aber nicht vergleichen. Wenn ihre Bank nach Bangladesh ginge, würde ihr Zinssatz ebenso hoch sein. Die Kosten zur Bereitstellung des Kredits sind dort viel höher. Die Leute werden von "loan officers" betreut. Es ist personalaufwändig. Unter diesen Umständen ist der Zinssatz durchaus fair. Vorher haben diese Leute für Kredite Zinsen von 35, 40 oder 50 Prozent bezahlt – privatwirtschaftlich vergeben von so genannten Kredithaien. Die Kredite der Grameen-Bank waren die erste Möglichkeit, zu sparen oder sich zu versichern. Problematisch ist weiterhin, dass viele dieser Kredite abhängig sind von Entwicklungshilfe.

Kann man in den Industrieländern davon lernen?
Ja, es gibt immer mehr Banken in den Industrieländern, die Mikrokredite anbieten, insbesondere für Immigranten.

Durch Mikrofinanz wurde also Armut deutlich reduziert.
Die Weltbank hat in einer Studie nachgewiesen, dass 50 Prozent der Bevölkerung in Bangladesh ihre Lebensbedingungen erheblich verbessern konnten – dank Mikrofinanz. Vor allem durch die Wachstumseffekte: 40 Millionen arme Familien haben in 65 Ländern Zugang zu dieser Form der Kreditvergabe. Die Auszeichnung für Muhammad Yunus ist völlig berechtigt.

Johannes Jütting ist Senior Economist beim OECD-Entwicklungszentrum in Paris

Die Fragen stellte Alain-Xavier Wurst

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