Wenn an diesem Montagnachmittag das israelische Parlament, die Knesset, zusammentritt, bleibt ein wichtiger Stuhl frei. Präsident Moshe Katzav ließ sich entschuldigen. Aus gutem Grund: Die Polizei wirft ihm nach einer monatelangen Untersuchung insgesamt neun verschiedene Vergehen vor – darunter Vergewaltigung, unerlaubten sexuellen Verkehr, sexuelle Belästigung sowie Korruption, illegales Abhören und Justizbehinderung. Polizisten hatten im August die Residenz des Präsidenten durchsucht und dort Computer und Dokumente beschlagnahmt. Das Material wurde seitdem ausgewertet.

Alles hängt nun von dem Rechtsberater der Regierung, Meni Masus, ab. Er muss darüber entscheiden, ob den polizeilichen Empfehlungen gefolgt und Katzav angeklagt werden soll. Doch egal, ob es zu einem Verfahren kommt oder nicht: Zu viele Frauen und zu schwere Vorwürfe stehen auf der Klageliste, als dass für Katzav noch Hoffnung bestehen könnte, die Affäre unbeschadet zu überstehen.

Sie hält Israel seit Monaten in Atem. Ans Licht war sie gekommen, als Katzav sich über angebliche Erpressungsversuche einer ehemaligen Angestellten beklagte. Aus der Offensive, die heute wie eine Flucht nach vorne wirkt, geriet der Präsident schnell in die Defensive. Fast täglich erhöhte sich die Zahl der Klägerinnen, die sich alle über das Gleiche beschwerten: Der Präsident habe seine verschiedenen Machtpositionen (auch in seinem früheren Amt als Tourismusminister) ausgenutzt, um zu erzwingen, was er anders nicht bekommen hätte. Danach soll er seine Opfer zum Schweigen veranlasst haben.

Nach einer öffentlichen Schlammschlacht, bei der – wie häufig in solchen Fällen – die Anklägerinnen von dem Beschuldigten zu Prostituierten und Lügerinnen degradiert wurden, sind diese nun erst einmal erleichtert: Die Polizei glaube ihr nun endlich, sagte eine der Frauen, das gebe ihr ein gutes Gefühl.

Wäre der israelische Präsident mit denselben weitreichenden Befugnissen ausgestattet wie sein amerikanischer Kollege, hätte der Fall längst auch im Ausland die Schlagzeilen dominiert. Doch Mosche Katzavs Aufgabe ist nur repräsentativ, ähnlich wie die des deutschen Bundespräsidenten. Was die Vorwürfe gegen ihn aber nur noch schlimmer macht. Denn der Präsident sollte und wollte – nach seinen eigenen Worten – mit "leuchtendem Beispiel" vorangehen.

Noch aber steht Katzav nur unter Verdacht. Er könnte auch einem Verfahren durch einen vorzeitigen Rücktritt aus dem Weg gehen. Aber es ist schwer vorstellbar, dass sich sein angeschlagenes Image noch retten ließe. Denn selbst wenn nur "zehn Prozent der Anschuldigungen" gegen ihn wahr seien, schrieb ein Kommentator in Maariv , so sprenge der Ernst der Vorwürfe immer noch jedes Fassungsvermögen. Außerdem habe er das gesamte Präsidentenamt in Mitleidenschaft gezogen.

Katzav, dessen Amtszeit in neun Monaten endet, kann nicht angeklagt werden, solange er Präsident ist. Eine Anklage zu einem früheren Zeitpunkt ist nur möglich, falls er zurücktritt oder das Parlament mit einer Mehrheit von 90 der 120 Abgeordneten ihn zum Rücktritt zwingt. Deshalb wird der Druck jetzt noch weiter wachsen, dass er sein Amt aufgibt. Denn weder kann man sich vorstellen, dass er nach diesen Anschuldigungen und einer Anklage im Amt bleibt, - noch dass er sich als Präsident wegen solcher Vorwürfe vor Gericht verantworten muss.

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