Mit ihrer Ankündigung reagierte die Bundesfamilienministerin auf den Fall des zweijährigen Kevin in Bremen. Er war bei seinem drogensüchtigen, gewalttätigen Vater gelassen worden, obwohl das Jugendamt die Vormundschaft hatte. Nachdem der Sozialdienst monatelang nicht nach dem kleinen Jungen geschaut hatte, wurde er Anfang der Woche tot im Kühlschrank seines Vaters gefunden - was Entsetzen und Empörung auslöste. Die Bremer Sozialsenatorin trat zurück, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Verantwortlichen in den Ämtern wegen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht, die Grünen wollen in der Bremer Bürgerschaft einen Untersuchungsausschuss einsetzen.

Wieder einmal dreht sich die öffentliche Diskussion um die Frage, wie man verhindern kann, dass in Zukunft ähnliches geschieht - wie schon nach früheren Fällen, in denen Eltern ihre Kinder zu Tode quälten oder verhungern ließen und Behörden davon nichts merkten. Der Staat solle nicht nur genauer hinschauen, was in Problemfamilien geschieht, fordern viele Zeitungskommentatoren. Er müsse auch konsequenter eingreift, vor allem aber frühzeitig den Eltern helfen, die häufig mit ihrem Leben selbst nicht klarkommen.

Der Tagesspiegel aus Berlin schreibt: "Es ist hierzulande anscheinend einfacher, ein Kind jahrelang zu quälen, als mit einem Auto ohne Tüv dieselbe Zeit unterwegs zu sein. Der staatliche Regelungsfetischismus ist, wie die Gesundheitsreform zeigt, völlig ungebremst - nur im Umgang mit Rechten der Kinder leistet sich die Politik erstaunliche Zurückhaltung." Ähnlich sieht es die Süddeutsche Zeitung : "Der deutsche Staat tut nicht genug, um Kinder vor ihren gewalttätigen Eltern zu schützen." Seit mehr als zehn Jahren weise die Wissenschaft einen praktikablen Weg der Prävention von Kindesmisshandlungen. Umgesetzt würden die Vorschläge aber fast nirgends. Dabei sei klar: Prävention müsse so früh wie möglich ansetzen: "Ein gutes Frühwarnsystem beginnt schon vor der Geburt, in den Kliniken".

Wenn Familienministerin von der Leyen jetzt ein "Aktionsprogramm Frühwarnsysteme" ankündige, schreibt die SZ weiter, sei das "lobenswert und ärgerlich zugleich: Lobenswert, weil sie die Arbeit der Wissenschaftler wahrnimmt und Verbesserungen erreichen will - und ärgerlich, weil es nicht zeitgemäß ist: Die Zeit der Erprobung ist vorbei, die längst vorhandenen Erkenntnisse müssen umgesetzt werden."

Auch die Berliner Zeitung kritisiert, dass die Debatte in Berlin reichlich spät beginne: "Vernachlässigung oder auch nur die Unfähigkeit, sein Kind ausreichend zu versorgen, wären früh zu erkennen, wenn die Vorsorge-Untersuchungen im Säuglings- und Kindesalter verpflichtend wären. Aber das wird in Berlin nur debattiert. In Dänemark bekommt, wie man hört, sogar die Kronprinzessin nach der Geburt Besuch vom sozialen Dienst. Und in einem Teil Deutschlands erinnert man sich daran, dass der Besuch in der Mütterberatungsstelle für pflichtbewusste Eltern auch etwas Beruhigendes haben konnte."

Das Main-Echo sieht aber nicht nur den "Staat gefordert", für den Schutz der Kinder zu sorgen, sondern die ganze Gesellschaft: "Gesetzlich vorgeschriebene medizinische Vorsorgeuntersuchungen sind ein Weg, Aufmerksamkeit von Ärzten, Lehrern und Erzieherinnen in Kindergärten ein anderer. Mütter aus sozial schwachem Milieu müssen betreut werden. Wenn sich Eltern bei Verdacht auf Misshandlung den Behörden verweigern, müssen Jugendamt, notfalls auch die Polizei eingeschaltet werden. Bei Kindesmisshandlungen darf die Gesellschaft nicht einfach wegschauen."