Professor Berger lehrt Soziologie an der Universität Rostock und ist Sprecher der Sektion "soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie .

ZEIT online Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gehören 8 Prozent der Deutschen zur Unterschicht. Im Osten soll es sogar jeder fünfte sein. Halten Sie diese Zahlen für realistisch?

Peter A. Berger Das hängt davon ab, wie man diese Gruppe definiert. Wenn man alle Menschen einschließt, die irgendwann einmal soziale Ausschluss- und Abstiegserfahrungen gemacht haben, dann könnte die Größenordnung hinkommen. Aber es ist immer die Frage, was genau man darunter versteht. Mit dem Begriff Unterschicht wäre ich sehr vorsichtig. Er ist sehr pauschal. Wir wissen damit noch nicht, wie sich diese Gruppe der Bevölkerung zusammensetzt. Wie sind die Menschen in diese schwierige Situation gelangt?

ZEIT online Aber halten Sie den Befund für richtig, dass soziale Ungleichheit und Ausgrenzung in Deutschland zunehmen?

Berger Tendenziell ja. Auf jeden Fall hat sich auch die Wahrnehmung dafür wieder geschärft. Wobei sich die Zunahme der Ungleichheit nicht nur am unteren Rand abspielt, sondern genauso oben. Die Spannweite zwischen oben und unten wächst.

ZEIT online Ist das in erster Linie eine Frage der Verteilung von Armut und Reichtum? Oder geht es nicht auch um die Frage sozialer Aufstiegschancen?

Berger Die Studie, die ja noch nicht im Einzelnen bekannt ist, zeigt offenbar wie andere Untersuchungen, dass es eine wachsende Gruppe gibt, die sich selber als sozial abgehängt wahrnimmt und empfindet. Das ist noch einmal etwas anderes als der soziale Befund, dass diese Menschen wirtschaftlich, sozial oder bildungsmäßig keinen Anschluss mehr haben. Die Außenbetrachtung und die Selbstdefinition müssen nicht übereinstimmen. Aber auch diese Selbstwahrnehmung an sich ist schon problematisch. Denn sie bezieht sich auf die zentrale Rechtfertigung von Ungleichheit in unserer Gesellschaft: das Leistungsprinzip. Wenn sich Leistung für diese Menschen auch nicht mehr lohnt was sollen sie dann noch tun?