Seit Tagen sorgt eine wissenschaftliche Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung für Wirbel, obwohl sie noch gar nicht veröffentlicht ist und erst Ende des Jahres erscheinen soll. Nachdem aber einzelne Ergebnisse bekannt geworden waren und eine heftige politische Debatte über die "Unterschicht" und "neue Armut" ausgelöst hatten, stellte die SPD-nahe Stiftung am Dienstag eine Zusammenfassung und einen Teil der Tabellen ins Netz . Das Interessanteste vorweg: Der inkriminierte Begriff "Unterschicht", der der Debatte erst den richtigen Schwung gegeben hat, taucht darauf legen die Verfasser wert darin gar nicht auf. Den Autoren geht es auch nicht so sehr um eine Untersuchung gesellschaftlicher Teilung, sondern um politische Einstellungen und "politische Typen".

Dennoch sind die Ergebnisse bemerkenswert und zum Teil erschreckend, wenn auch nicht allesamt neu. So sagen fast zwei Drittel der 3000 vom Meinungsforschungsinstitut Infratest im Auftrag der Ebert-Stiftung Befragten, dass ihnen die gesellschaftlichen Veränderungen Angst machen. 46 Prozent empfinden ihr Leben als "ständigen Kampf", fast ebenso viele (44 Prozent) fühlen sich vom Staat allein gelassen. Auch ihre eigene Lage sehen viele sorgenvoll: Fast zwei Drittel (59 Prozent) geben an, dass sie sich finanziell einschränken müssen; knapp die Hälfte (49 Prozent) befürchtet, ihren Lebensstandard nicht halten zu können. Die Angst frisst sich also immer weiter in die Gesellschaft hinein.

Bezeichnend ist auch ein weiteres Ergebnis. Galt die Bundesrepublik noch in den 1960er und 1970er Jahren als nivellierte Mittelstandsgesellschaft, so werden heute in den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und des durch die Globalisierung erzwungenen Wandels wieder deutliche gesellschaftliche Unterschiede wahrgenommen. 61 Prozent der Befragten sind der Ansicht, es gebe keine Mitte mehr, nur noch ein "Oben und Unten". Während die Hälfte davon ausgeht, durch die Familie oder ein Erbe abgesichert zu werden, fühlen sich immerhin 14 Prozent in jeder Hinsicht als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung und "ins Abseits abgeschoben".

Kein Wunder, dass auch die Akzeptanz und das Ansehen von Politik und Parteien immer mehr schwinden: 56 Prozent meinen, "egal, welche Partei man wählt, ändern tut sich doch nichts" eine Einschätzung, die durch die bisherige Politik der Großen Koalition wohl eher noch bestärkt wurde. Mehr als zwei Drittel sind der Ansicht, dass die Politiker sich zu wenig um die Sorgen der Bürger kümmern. Auch dies ist sicher keine völlig neue Erkenntnis, aber in dem Ausmaß für die Politik doch mehr als ernüchternd.

Brisanz hat die Studie allerdings erst bekommen durch den Versuch, anhand der erfragten Wertevorstellungen und Einstellungen die Gesellschaft in neun Gruppen einzuteilen: Von den "Leistungsindividualisten" Angestellte und Selbstständige mit hoher Qualifikation und hohem Einkommen, die sich stark an Leistung orientieren - über die "etablierten Leistungsträger", die "kritischen Bildungseliten", das "engagierte Bürgertum", "zufriedene Aufsteiger" bis zu der "bedrohten Arbeitnehmermitte" und schließlich dem "abgehängten Prekariat". Diese Gruppe am unteren Ende, der die Autoren der Studie acht Prozent der Gesellschaft, in Ostdeutschland sogar jeden Vierten zurechnen, zeichnet sich durch geringe Bildung, hohe Arbeitslosigkeit und finanzielle Unsicherheit aus. Die Menschen aus dieser sozialen Gruppe oder Schicht fühlen sich "gesellschaftlich im Abseits und auf der Verliererseite"; sie fühlen sich vom Staat allein gelassen; und sie empfinden - so heißt es in der Studie weiter die Gesellschaft als "extrem undurchlässig".

An dieser Stelle, folgt man der Untersuchung, hat es vielleicht den stärksten Wandel gegeben: Viele von denjenigen, die Abstiegserfahrungen machen, glauben nicht mehr an das alte Versprechen, dass ihnen die Gesellschaft auch den Wiederaufstieg ermöglicht ob dies nun tatsächlich zutrifft oder nicht. Auch bei denjenigen, die (noch) nicht von Arbeitslosigkeit und Einkommensverlusten betroffen sind, greift die Angst um sich, ebenfalls von Absturz bedroht zu sein.