Es sind die Wochen der alten Helden. Man liest hier und da vom musikalischen „Ausverkauf“, aber auch von der ideenreichen Frische, die die Großväter ihren musizierenden Enkeln voraus haben.

Wer durch die Gazetten blättert, entdeckt allerlei Kuriosa aus den Siebzigern und frühen Achtzigern. Die New York Dolls zum Beispiel, die nach dem Ableben mehrerer Schlagzeuger und ihres Gitarristen Johnny Thunders noch einmal den Glam Rock aufleben lassen möchten. Oder Radio Birdman , „Legenden des Rock“, wie die taz schreibt. Hinzu kommen Pere Ubu , die Lemonheads und andere mehr.

Die Konzerte der New York Dolls sind offensichtlich noch immer ein Erlebnis. „Man musste über dieses und jenes hinwegsehen, dann aber war es nicht nur ein tragischer, sondern zugleich auch ein toller Abend“, schreibt Jens Balzer in der Berliner Zeitung . Seit Morrissey die Überlebenden für ein Festival zusammenbrachte, haben diese ihre Taxijobs an den Nagel gehängt und spielen noch einmal Rock'n'Roll-Zirkus. Vom „Transvestiten Chic der frühen Siebzigerjahre sind nur David Johansens rotlackierte Fingernägel geblieben und die beim Singen vom Mikrofon grazil abgespreizten Hände („Sie baden ihre Hände in Palmolive“). Ansonsten ist der einstmals so androgyne Mick Jagger des Punkrock – wie der andere, einstmals so androgyne Mick Jagger auch – durch die Verfurchungen des Alters eher männlicher geworden, seine sehnigen Bewegungen wirken heute sexuell direkter, die Balzrituale, die er auf der kleinen Kellerbühne vollzieht, sind bewundernswert drahtig, aber auch relativ eindimensional.“ David Johansens riesiger Mund zieht nach wie vor die Blicke auf sich: die „Rückkehr des Breitmaulfrosches“, vielleicht aber auch seine Rache.

David Thomas hat mit seiner Band Pere Ubu eigentlich schon immer ein – wenn auch einflussreiches – Nischendasein geführt. Auf der Bühne wirkt er bisweilen beklemmend: ein komisch dreinblickender, korpulenter Herr mit Hut und einer hysterisch überdrehten Stimme, die Grenzbereiche auslotet. Von Ausverkauf war bei ihm nie die Rede, dafür waren seine Stücke immer zu unerbittlich. Ein frischer Wind über dem Ozean der Retro-Wellen. Mit dem ironisch betitelten Why I Hate Women ist er momentan auf Tournee. Ein Echo darauf findet sich in FR , taz und Wire .

Andreas Hartmann schreibt in der taz : „Thomas ist ein Kauz, ein schwergewichtiges Unikat, ein echter Eigenbrötler, der in den letzten 30 Jahren einfach immer weitergemacht hat und dabei zu keinem Zeitpunkt wirklich bedeutungslos war.“

Frank Schuster sieht die Band in der FR als das fehlende Glied zwischen Velvet Underground und Punk. David Thomas’ Stimme schlittere stets gekonnt am richtigen Ton vorbei, klinge besessen, hysterisch, bluesig, extrem hoch, rau, kurz: „als hätte Roger Chapman Helium inhaliert“.