Wie lange steht ein Verein noch hinter seinem Trainer, wenn seine Mannschaft seit sechs Monaten sieglos ist? Diese Frage stellt sich zur Zeit die Führung des Hamburger Sportvereins. Anfang Mai 2006 gewann der HSV gegen den 1.FC Köln zum letzten Mal in einem Pflichtspiel. Damals rangierten die Hanseaten auf dem zweiten Platz der Bundesligatabelle und die sportliche Administration feierte sich selbst. Mit Thomas Doll hatte die Führungsetage einen Coach engagiert, dem es in nur wenigen Monaten gelungen war, eine zerstrittene Ansammlung von Individualisten in eine kollektive Einheit zu verwandeln. Innerhalb eines dreiviertel Jahres führte er das Ensemble aus dem Tabellenende an die Spitze. Zum Abschluss der vergangenen Saison wurde der Verein Dritter.

Nun steht der Verein wieder da, wo er zu Beginn von Thomas Dolls Arbeitszeit stand: Auf einem Abstiegsplatz, mit sieben Spielen ohne Sieg. Im Pokal blamierte man sich mit einer Niederlage gegen die zwei Klassen tiefer spielenden Stuttgarter Kickers und schied aus. Und auch in der Champions League, dem Wettbewerb in dem kränkelnde Teams Selbstbewusstsein tanken können, steht der Nordclub ohne einen Punkt am Tabellenende der Gruppe G. Erfolgloser geht es nimmer.

Die Krise hat viele Gesichter. Eines davon ist in der Fairplay-Wertung abzulesen. Kein Verein hat mehr Platzverweise hinnehmen müssen als der HSV. Seit dem Sommer wurden nun schon wettbewerbsübergreifend sechs Hanseaten wegen Unsportlichkeiten vorzeitig des Feldes verwiesen. Diese rote Flut ist Zeichen der Unsicherheit, die durch übermäßigen Kampf entsteht. Der Einsatz wiederum kompensiert die fehlende spielerische Klasse. Wie ist nun also der Mangel an Fähigkeiten, der zur Erfolglosigkeit führt, zu erklären?

An den von den Trainern mantra-artig heruntergebeteten Pech liegt es nicht ausschließlich. Der Krankenstand des Vereins ist zwar beeindruckend, kann dennoch nicht als alleiniger Grund genannt werden. Mit Demel, van der Vaart, Atouba, Jarolim und Reinhard fehlen durchaus wichtige Spieler, aber die Personaldecke ist erstaunlich dick. Fast jeder Ausfall konnte durch einen gleichwertig starken Akteur ersetzt werden. Das Argument, dass die Mannschaft durch die Dauerrochaden nicht in der Lage ist, sich neu einzuspielen, ist richtig. Wahrhaftiger ist aber, dass sich die selbsternannte "Nr. 1 im Norden" auch vor der Spielzeit noch nicht funktioniert haben kann. Zu viele wichtige Stützen wurden erst während der Saisonvorbereitung verkauft, und zu viel neues Blendwerk wurde zu spät an das fragile Mannschaftsgebäude angeklatscht.

Wie fast immer liegt die Schuld an der HSV-Krise weniger am Trainer und an den Spielern als an geschäftsführenden Personen. Präsident Bernd Hoffmann und der sportliche Leiter Dietmar Beiersdorfer formulierten den Anspruch, eine deutsche Spitzenmannschaft zu sein, sowie die Forderung, sich in den nächsten Jahren auf höchstem internationalem Niveau zu etablieren. Dafür war die Investition von neuen Spielern notwendig, die durch den Verkauf der bewährten Kräfte bewerkstelligt werden sollte.